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20. Januar 2004 ·

Streichkonzert statt Kulturstadt?

Kolumne in der Sächsischen Zeitung

Streichkonzert statt Kulturstadt?


Kunst kommt von Können, das gilt nicht nur im Abendland. Und Können kann kosten, das wiederum gilt für Künstler wie für Konsumenten. Letztere zahlen den Eintritt, zumeist ein eher symbolisches Zubrot für die tatsächlichen Kosten von Konzerten und anderen Künsten. Erstere, die Schöpfer und Ausführenden, verdienen übrigens erst dann an ihrer Kunst, nachdem sie viel investiert haben – von der ersten Musikschul- oder Malstunde an über Begabtenförderung, Studium und ständiger Weiterbildung, von Schweiß und Entbehrung gar nicht zu reden.
Die Differenz bringt der Staat auf, eine der besten europäischen Traditionen und die wohl schönste Verwendung öffentlichen Geldes. Denn was wird damit bewirkt, wenn die Ausbildung von Künstlern gefördert, der Unterhalt von Theatern, Ensembles, Museen und von Kunst im öffentlichen Raum garantiert bleibt? Es sind doch nicht nur die schönen Stunden im Konzert oder in einer Galerie, sondern weniger als: Lebenselixier!
Weit mehr als diese unverzichtbaren Momente im Leben, wie sie uns wohl nur die Liebe und die Kunst bereiten können, zählt der bleibende Wert guter Musik und Literatur oder eines schönen Bildes. Worüber definiert sich denn der zivilisierte Mensch, wenn nicht über Kultur, also auch Lebenskultur? Was sensibilisiert uns für den achtungsvollen Umgang miteinander, wenn nicht die uns übermittelten Erfahrungen von Romanhelden und Bühnenfiguren? Wie wird unsere Emotionalität geweckt und gefördert, wenn nicht durch die Klangwelten der menschlichen Stimme, eines Instruments, eines Orchesters – und aus dem Farbrausch eines Bildes?
Kunst kommt von Können und nicht von Wollen. Das Bonmot ist bekannt, aber Kunst wie künstlerisches Können müssen auch gewollt sein, sonst finden sie irgendwann erst außerhalb der Öffentlichkeit und dann gar nicht mehr statt. Das ist kein Kassandra-Geschrei, sondern die bittere Sorge um aktuelle Debatten (nicht nur in Dresden).
Gerade hier in Sachsen und namentlich in der an künstlerischer Tradition so reichen Landeshauptstadt sind wir zu Recht stolz auf die von hohem Können geprägten kulturellen Leistungen – warum wohl sonst zieht es jährlich Hunderttausende Menschen aus aller Welt in unsere Stadt, warum wohl sonst finden sich Firmen wie VW, Infineon und AMD hier als Investor ein, warum wohl sonst gibt es ein internationales Interesse an (selbst dieser Kunst-Name ist Verpflichtung:) Elbflorenz?
Allein die Dresdner Musikfestspiele 2003, der erste von mir geleitete Jahrgang, endete mit der Rekordzahl von 150.000 Gästen, die aus aller Welt in unsere Veranstaltungen kamen. Wer will dies und all die anderen Erfolge der Orchester, Bühnen und Museen unserer Stadt aufs Spiel setzen? Wer will, indem er von Prozenten spricht, Potenzen lahmlegen?! Kein Bürgermeister, Parlamentarier oder Minister kann das verantworten.
Ja, es geht um Verantwortung – und hierzulande ist Kultur eine Pflichtaufgabe, darauf sind wir zu recht stolz und das sollte unangetastet bleiben! – und es geht um Verteilung. Wenn angesichts der aktuellen Haushaltslage allen Ernstes behauptet wird, die Bundesrepublik Deutschland benötigt 180 Eurofighter, dann klingt das in meinen Ohren nicht nur verantwortungslos, sondern geradezu verrückt. Der Preis eines einzigen Eurofighters beträgt bekanntlich 100 Millionen Euro! Ich wiederhole: Verantwortungslos und verrückt.
Auch die Verwaltung der Künste ist ein Kunststück, sie will gelernt und gewollt sein. In Zeiten knapper Kassen gilt das mehr denn je, und ich widerstehe der irren Hoffnung, diese Zeiten seien nur von kurzer Dauer. Das wäre Augenwischerei. Wenn das Abendland seine Kompetenz verspielt, geht es unter.


Prof. Hartmut Haenchen
Intendant der Dresdner Musikfestspiele
Mitglied des Sächsischen Kultursenats


Sächsische Zeitung