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19. Januar 2004 ·

Deutschland verspielt seine Kulturtradition

Interview für dpa mit Simona Block

Deutschland verspielt seine Kulturtradition


Dresden (dpa/sn) - Mit regelmäßigen Kürzungen der Kulturhaushalte verspielt Deutschland nach Ansicht des Intendanten der Dresdner Musikfestspiele, Hartmut Haenchen, seine reichen Traditionen in Musik, Kunst, Theater und Literatur. «Der Staat nimmt sich selbst die Zukunft, wenn er an der Kultur kürzt», mahnte der Dirigent. Politiker würden leider nur kurzfristig in Wahlperioden denken. «Der Verfall des Bewusstseins für die Kultur in Deutschland setzt sich mit jeder neuen Generation fort.»

So habe sich die Kriegsgeneration aus dem Bedürfnis nach Musik und Kulturbeschäftigung heraus noch sehr dafür eingesetzt. «Mit jeder nachwachsenden Generation, wo in der Schule Musik, Kunst oder Literatur deutlich zu Gunsten der Naturwissenschaften vernachlässigt wurden, ist diese Distanz gewachsen.» Über die Debatte um PISA, Bildung, Elite-Universitäten und Erziehung werde vergessen, dass Kultur und Kunst ein harter Faktor in dieser Entwicklung sei. «Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Musik einen ganz deutlich positiven Einfluss auf die Sozialisierung hat, das emotionale und das Denkvermögen erhöht.»

Was da versäumt werde durch Kürzungen in der Kultur müsse zusätzlich für Polizei und andere Betreuungsdienste ausgegeben werden. «Selbst die meisten Großviehhalter spielen Mozart in ihren Kuhställen, das erhöht die Milchleistung», sagte Haenchen. «Wenn man immer wieder und regelmäßig ein Prozent kürzt, werden daraus zehn und irgendwann ist nichts mehr da.» Die Politiker vergessen die ohnehin steigenden Kosten durch eine jährliche Inflationsrate von zwei bis drei Prozent sowie die immer höheren Personalkosten.

«Wenn die Kultureinrichtungen in Deutschland heute das Gleiche wie vor zehn Jahren bekommen, dann haben sie real 40 Prozent weniger, nicht gerechnet die Honorarentwicklung im Kunstbereich», sagte Haenchen. Doch die Dresdner Musikfestspiele haben schon lange nicht mehr das Geld wie vor zehn Jahren, sondern seien mehrfach gekürzt worden. «Was damals 18 Mitarbeiter machten, müssen heute acht schaffen - bei der doppelten Veranstaltungszahl!»

Bei Kürzungen bestehe grundsätzlich ein politischer Denkfehler, in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern. «Man hat auf dem Papier gespart, zahlt aber unterm Strich viel mehr», äusserte Haenchen, der auch Mitglied im Sächsischen Kultursenat sowie in der Sächsischen Akademie der Künste ist. Wenn etwa in einem Orchester Stellen gestrichen würden, könnten weniger Konzerte gegeben und damit auch weniger Einnahmen erzielt werden. «Die Rentabilität eines einzelnen Musikers ist dann viel schlechter», rechnete Haenchen vor. Auch das Engagement von Aushilfen sei teuerer. «Dann zahlt eine andere, auch öffentlich finanzierte Institution das, was an anderer Stelle weggenommen wird», sagte er. Zudem bleibe bei den Politikern noch immer ungehört, dass die Kultur auch Geld zurückbringe. «Studien haben ergeben, dass bei einem Anteil von 30 bis 40 Prozent auswärtiger Besucher eine Subvention von einem Euro sogar 1,16 Euro einbringt.» Mit jeder Kürzung werde dieser Rückfluss geringer. Die Dresdner Musikfestspiele jedoch haben ihr Einnahmesoll trotzdem übererfüllt. Bei weiteren Kürzungen müsste das Programm aber anpasst werden. «Weniger Vorstellungen machen es immer teurer, da die Einnahmen dann nicht mehr stimmen.» Haenchen sieht daher die Gefahr, dass es von Seiten der
Politiker irgendwann für verzichtbar gehalten werde, wenn aus dem internationalen
ein regionales Musikfest geworden sei, für das dann auch keine Sponsoren mehr zu finden wären, die es aber dringend brauche.


Die Zukunft der Dresdner Musikfestspiele ist nach den Worten von Haenchen
finanziell nicht sicher. «Es wird sie 2005 und 2006 geben, da sind die
Verträge fast fertig, aber ich weiß noch nicht einmal den Zuschuss für
dieses Jahr.» Er rechne jedoch mit dem Budget von 2003 und habe
entsprechend Verträge abgeschlossen. Zudem habe der Bund angekündigt, von
2005 an seine Zuschüsse zurückzuziehen. «Daran sind wiederum die Zuschüsse des
Freistaats gekoppelt.»

«Jede Spirale ist irgendwann zu Ende. Das ist ein langsames Sterben und
mit der Rasenmähermethode trifft es ziemlich alles, was wir haben»,
bedauerte er. «Ein Leuchtturm muss auf Grund stehen, wenn der systematisch
weg gegraben wird, fällt auch der Turm irgendwann um», kritisierte er. So könnte
man sich eines Tages wundern, wenn etwa die Sächsische Staatskapelle nicht
mehr den Nachwuchs finde, den sie brauche. «In Deutschland wurden in den
letzten zehn Jahren zwölf Orchester aufgelöst und diese Tendenz setzt sich
vehement fort.»

Bei der Gewinnung von Künstlern könne Dresden noch mit seiner
Attraktivität wuchern, nicht aber mit Spitzengagen. Und die Konkurrenz
sei groß. «Die Zeit ist vorbei, dass hier noch jemand zum Freundschaftspreis
gespielt hat. Und was einmal weg ist, ist weg.» Für mehr Ausstrahlung brauche Dresden dringend eine Konzerthalle. Leider habe man die Chance für einen entsprechenden Umbau des Kulturpalastes mit dem Bau des Kongresszentrums, in den auch alle
Unterhaltungsshows wechseln sollten, vertan. «Das macht mich wütend. Da hat
die Politik mehr als versagt.»

Dabei sei noch genügend Geld da. «Es wird nur falsch verteilt», sagte
Haenchen mit Verweis auf den aufgeblasenen Verwaltungsapparat in der
Bundesrepublik. «Es wird Zeit und Geld verschwendet für die Bürokratie.»
Darin liege ein riesiges Einsparpotential.

Nach dem Hochwasser 2002 habe man gesehen, was geschlossene Theater und
Museen für eine Wirkung hätten: «Nach der Flut war tödliche Ruhe in der
Stadt, keine Touristen da.» Kunst und Kultur sei nun einmal in aller Welt
Synonym für Dresden. «Wenn die Politik das nicht begreift, wird Dresden eine
tote Provinzstadt.»


dpa sb yysn

dpa