Interview-Verzeichnis (alle)

09. Mai 2005 · Sächsische Zeitung

Lust am Fremden

Hartmut Haenchen im Interview mit Peter Ufer

Sie wollen mit den Musikfestspielen, die am 13. Mai beginnen, Lust auf das Fremde wecken. Halten Sie die Dresdner für weltfremd?
Nein, natürlich nicht. Allerdings hatte Dresden ja zu DDR-Zeiten bekanntlich den Spitznamen "Tal der Ahnungslosen". Und da sind viele Tugenden, die die Dresdner einst hatten auch verloren gegangen. Damit meine ich vor allem den Austausch mit anderen Kulturen. Hier stoppte eine Entwicklung, denn fremde Einflüsse bringen eine Stadt immer voran. Wer sich einkapselt brät im eigenen Saft.

Nun leben die Dresdner seit 15 Jahren nicht mehr hinter der Mauer. Sie selbst kehrten aus Amsterdam in ihre Heimatstadt zurück. Haben Sie keine Entwicklung wahrgenommen?
Es gibt nach meiner Erfahrung zwei Entwicklungen, die sich widersprechen. Da ist zum einen eine große Öffnung und zum anderen eine Abgrenzung, die im Extrem im Rechtsextremismus mündet. Nicht zuletzt deshalb glaube ich, muss man die Öffnung der Stadt fördern und fordern.

Ihnen ist das Klima in der Stadt noch immer zu wenig weltoffen, die Veränderung zu gering?
Mir ist die klimatische Veränderung zu klein, ja. Ich wünschte mir, dass die Dresdner neugieriger werden. Wiewohl man sich natürlich vor Pauschalurteilen immer hüten sollte: Die Dresdner gibt es natürlich so nicht. Aber wenn ich es mit meiner Wahlheimat Amsterdam vergleiche, dann ist dort, auch aus der Geschichte heraus, der Umgang mit Menschen anderer Länder und anderer Religionen viel mehr geübt. Da ist eine ganz andere Offenheit da. Und das Anliegen des Themas der Musikfestspiele soll sein, die Neugier aufeinander zu wecken.

Sie wollen mit Kunst erziehen?
Ja, diesen Anspruch habe ich. Man sollte die Kraft von Kunst selbstverständlich nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. Ich glaube, dass Kunst auf einer emotionalen Ebene viel mehr bewegen kann als viele andere Dinge, die auf rationale Weise versuchen, Menschen zu beeinflussen. Und Musik funktioniert sehr stark emotional. Die Chance sollte man nutzten.

Der Anspruch ist das eine, andererseits müssen Sie um die Existenz des Festivals ringen . . .
. . . ich mache kein Festival, um die Existenzberechtigung desselben nachzuweisen.

Das Festival ist doch kein Selbstzweck. Sollte es nicht vielmehr durch ein zusätzliches kulturelles Angebot Anlass für Dresdner und Touristen sein, Veranstaltungen in Dresden zu besuchen?
Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. 40 Prozent unserer Gäste kommen von außerhalb. Das ist sehr gut.

Trotz allem wurde im städtischen Kulturamt darüber nachgedacht, das Festival abzuschaffen. Was würde Ihrer Meinung nach Dresden fehlen, gäbe es die Musikfestspiele nicht mehr?
Sehr viel, denn wir bieten Veranstaltungen, die es im laufenden, kulturell sehr hoch angesiedelten Musikbetrieb der Stadt nicht gibt. Wir bieten zum Beispiel Wiederentdeckungen und eben Musik anderer Kulturen, die so nicht vorkommen. Zudem sind wir an öffentlichen Plätzen präsent und wir kooperieren mit den anderen Einrichtungen in der Stadt wie beispielsweise der Oper, dem Heinrich-Schütz-Konservatorium, der Philharmonie oder auch dem Kreuzchor, der 2006 eine große Rolle bei uns spielen wird. Vielen Amateuren geben wir wichtige Auftrittsmöglichkeiten und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit professionellen Musikern.

Reicht das auch für die Zukunft?
Es gibt natürlich neben dem Künstlerischen noch einen nicht zu unterschätzenden ökonomischen Aspekt. Wir haben einen Etat von zweieinhalb Millionen Euro. Damit machen wir bis zu hundert Eigenveranstaltungen und insgesamt bis zu 180. Wir ziehen damit so viel Besucher wie die Ruhr-Triennale mit einem Etat mit 65 Millionen Euro. Wir sind eines der rentabelsten Festivals überhaupt. Und die Stadt verdient durch das Fest.

Durch den zahlenden Gast?
Exakt. Ein Subventionseuro sind (laut SZ vom 31.1.05 ) 16 eingenommene Euro. Wenn die Stadt reich ist, könnte sie auf uns verzichten, wenn sie arm ist, sollte sie uns erhalten, um dringend nötiges Geld zu verdienen. Aber Kultur ist eben nicht Ökonomie, sondern der Nährboden für die Entwicklung einer Gesellschaft. Nicht umsonst sind so viele Dresdner für den Erhalt der Kultur, egal ob zum Beispiel Operette oder Musikfestspiele auf die Straße gegangen. Das zeichnet die Dresdner aus.

Allerdings scheint nach wie vor eine moderne Struktur der Kulturverwaltung zu fehlen. Gibt es Formen für die Musikfestspiele, die zukunftsfähig ist?
Ein rein privat finanziertes Modell halte ich für falsch. Denn hier wird nur auf die Quote geschaut, die kulturelle Entwicklung kaum zulässt. Es wird ein Bedürfnis des Ist-Zustands bedient. Aber es wird nichts getan, den Ist-Zustand zu entwickeln. Aber es muß eben auch Angebote geben, die Interesse wecken und nicht von vornherein vorhandenes Bedürfnis befriedigen. Deshalb favorisiere ich ein Modell, das das Festival sowohl öffentlich-rechtlich als auch privat finanziert.

Sollten dabei städtisch und durch das Land finanzierte Institute zusammengehen?
Unbedingt. Das das trotz vieler Forderungen nicht geschieht, halte ich für ein Unding.