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23. Mai 2005 · DeutschlandRadio

Lust am Fremden

Deutschlandradio-Korrespondent Klaus Fischer im Gespräch mit Hartmut Haenchen während der DMF 2005

Deutschlandradio


23.05.2005


"Lust am Fremden"
Dresdner Musikfestspiele 2005
Von Claus Fischer

Jack Oboa, der aus Angola stammt und seit zehn Jahren in Dresden lebt, demonstrierte vor rund 100 Jugendlichen die traditionelle Kunst des afrikanischen Trommelns. Der Auftritt war Teil eines Workshops, bei dem es darum ging, junge Leute für fremde Kulturen zu begeistern.

Neben Musik und Tanz konnten die Teilnehmer zum Beispiel die senegalesische Küche kennen lernen oder einen Radiobeitrag über die Probleme ausländischer Altersgenossen in Deutschland produzieren. Organisiert wurde die Veranstaltung von der 19-jährigen Katharina Klockau, sie absolviert gerade ihr freiwilliges soziales Jahr bei den Dresdner Musikfestspielen und möchte auf diese erfrischend andere Weise junge Leute auch fürs Festival begeistern …

Man sieht ja auch im Programm, es ist nicht nur Klassik. Deshalb kann so ein Workshop, denke ich auch, mithelfen, jungen Leuten zu sagen: hier, die Musikfestspiele sind eben nicht nur diese Seite, die man immer sieht, sondern es gibt auch noch eine andere Seite.

Die engagierte Basis-Arbeit von Katharina Klockau ist ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts der Dresdner Musikfestspiele, sagt Intendant Hartmut Haenchen. Als Dirigent der Niederländischen Philharmonie und Musikdirektor der Oper in Amsterdam initiierte er in den 90er Jahren bereits ähnliche Projekte …

Ich hab ja von Anfang an gesagt, ich will die Musikfestspiele öffnen, wenn ich jetzt die Punker beim Hilliard-Ensemble sehe in der Annenkirche sehe, dann denke ich: das hat sich ausgezahlt.

Das Publikum von morgen zu gewinnen ist der eine Teil des Anliegens von Hartmut Haenchen, die damit verbundene Weltoffenheit der andere. Dafür steht das Motto der diesjährigen Musikfestspiele "Lust am Fremden", das bereits vor zwei Jahren kreiert wurde und das in den letzten Monaten durch die permanenten Hasstiraden der NPD im sächsischen Landtag eine hochaktuelle Dimension bekommen hat. Selbstverständlich ist auch in Dresden nur eine Minderheit der Menschen rechtsradikal eingestellt, dennoch muss, so Hartmut Haenchen hier noch viel Lust am Fremden geweckt werden…

Die Neugierde könnte mir größer sein, aber man muss ja irgendwo anfangen und deswegen sind Musikfestspiele auch da, um das zu tun, was der normale Musikbetrieb nicht tut.

Diese Musik stammt, auch wenn es sich nicht sofort erschließt, aus einer fremden Kultur. Der japanische Komponist Toru Takemitsu hat sich in seinem Requiem für Streichinstrumente jedoch ganz der europäischen Musiktradition verschrieben, Lust am Fremden also auch hier. Aufgeführt wurde das Werk am Freitag durch das diesjährige Orchestra in Residence bei den Dresdner Musikfestspielen, die Kioi Sinfonietta aus der japanischen Hauptstadt …

Kioi ist ein relativ neues Orchester in Tokio, vor 10 Jahren gegründet, ich hatte jetzt die Ehre, das Jubiläumskonzert zu dirigieren. Es besteht aus Spitzenmusikern der Tokioter Orchester, die in dem damals neu gebauten Kuioi-Saal sich zusammengefunden haben, um besondere Musik zu machen, deshalb hab ich mich entschlossen, sie nach Dresden zu holen.

Neben diesem "fremden" Orchester steht auch in diesem Jahr wieder eine europäische Metropole im Zentrum des Programms, in diesem Jahr ist es die portugiesische Hauptstadt Lissabon. So konnte man in den letzten Tagen die wichtigsten Fadosängerinnen erleben, auf der so genannten "Fremde-wiese" vor dem japanischen Palais am Elbufer. Höhepunkt war jedoch das Konzert der Band Madredeus, welches - restlos ausverkauft - ein deutliches Zeichen für die Lust der Dresdner am Fremden war…