Interview-Verzeichnis (alle)

20. März 2008 · Sächsische Zeitung

Rastlos auf Entdeckertour

Der Dirigent und Chef der Dresdner Musikfestspiele wird 65 Jahre; Gespräch mit ihm über Jugendwahn, Antrieb und Ehefrauen

Interview mit Bernd Klempnow

Sehr geehrter Herr Haenchen, theoretisch sind Sie ab heute Pensionär. Wie fühlen Sie sich und was machen Sie draus?
Immerhin kann ich am heutigen Tag auch mein 50jähriges Bühnenjubiläum in Paris mit Dresdner Freunden feiern. Der frühere Chefdirigent der Dresdner Philharmonie Herbert Kegel hat zu Recht gesagt: Beim Dirigieren sind es bis zum 50. Jugendsünden. Dem Jugendwahn der Medien zum Trotz kann ich nur bestätigen, dass Dirigieren ein Erfahrungsberuf ist. So gesehen feiere ich heute erst mein 15jähriges Bühnenjubiläum und dann darf ich heute auch nicht den Ruhestand gehen, denn dann wäre meine Lebensarbeitszeit zu kurz.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Die Premiere von „Parsifal“ ist gerade in Paris gewesen. Es folgen natürlich als nächste große Projekte drei große Konzerte zu den Dresdner Musikfestspielen (Eröffnung in der Semperoper, Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Missa solemnis als Abschlusskonzert). Danach mehrere Konzerte wieder bei den Münchner Philharmonikern, verschiedene Konzerte zu anderen Festivals, Konzerte in Tokyo, Montreal und in Paris eine weitere Premiere von „Lady Macbeth“ von D. Schostakowitsch. Danach geht es wieder für Konzerte nach Tokyo und Paris, zu Opernproduktionen in London, Amsterdam, Brüssel, New York und wieder Paris und Los Angeles. Dazwischen Konzerte, Tourneen und Aufnahmen mit meinem Kammerorchester C.Ph.E.Bach in Berlin.

Ihr Leben beschreiben Sie als ständiges Lernen - Stillstand wäre Tod. Was treibt Sie? Haben Sie eine Erklärung für dieses Getriebensein?
Interpretation, die sich nicht entwickelt, ist tot. Der Reiz des Neuen – auch im alten Werk – ist der Antrieb. Entdeckerfreude und Neugierde sind Reize, die ich dann hoffentlich auf mein Publikum übertragen kann.

Was ist Luxus für Sie?
Zu Hause zu sein, ein paar Stunden kein Telefon und e-Mail bedienen zu müssen, in Ruhe arbeiten zu können und Gespräche mit Kindern und Enkelkindern.

Was regt Sie auf?
Die Kurzsichtigkeit politischer Entscheidungen.

Haben Sie Hobbys oder Leidenschaften, die nicht mit Musik zu tun haben?
Da bleibt wenig Raum: Graphik sammeln, lesen und Gartenarbeit.

Was lesen Sie?
Natürlich immer noch viel Fachliteratur und – wenn irgend möglich die verschiedensten Bücher. Eben auf einem Langstreckenflug von Stephan Heym: Ahasver und Müller-Stahls Hannah und Thomas Mann, Hermann Hesse und gern auch holländische Bücher in der Originalsprache: Fast alles von Harry Mulisch (jetzt „De ontdekking van de Hemel“).

Können Sie Kochen?
Nein, auch das überlasse ich meiner Frau. Bestenfalls mache ich mal ein Shabu-Shabu für Freunde.

Ihr größtes Dresden-Projekt der vergangenen Jahre waren die Musikfestspiele, deren Finanzmittel immer weiter gekürzt worden waren. Wie ist Ihre Bilanz der hiesigen Kulturpolitik?
Die Frage habe ich schon oben beantwortet.

In Dresden scheinen viele nicht einmal die Kultur des Streits zu beherrschen. Wegen der Angriffe von Arnold Vaatz auf Gegner der Waldschlösschen-Brücke sind Sie aus der CDU ausgetreten. Wie waren die Reaktionen auf den Austritt?
Ein böser Brief und sonst nur Zustimmung zu einer klaren Haltung.

Euphorisch waren die Reaktionen auf Ihre genial-kritische "Ring"-Gesamteinspielung. Haben sich die Bayreuther Festspiele daraufhin gemeldet, wie große Zeitungen dringend empfohlen haben?
Die Bayreuther Festspiele haben sich bei mir bereits 1978 für eine „Der fliegende Holländer“ Produktion gemeldet. Berufsverbot und gute Arbeit der Stasi haben das verhindert. Inzwischen gibt es neben Bayreuth auch andere Häuser, an denen man großartigen Wagner machen kann. Nicht zuletzt jetzt hier in Paris.

Wie kommt es, dass Sie fast das gesamte gängige Opernrepertoire dirigiert haben, aber so wichtige in Dresden entstandene oder uraufgeführte Werke wie "Holländer" und "Freischütz" nicht? Was soll in den nächsten Jahren folgen?
Beide genannten Werke sind in der Zukunft in Amsterdam (neben einem weiteren „Ring“und B.A. Zimmermanns „Soldaten“) geplant. Ich mache also nicht nur die Stücke, die ich schon dirigiert habe.

Über 120 Platten und CDs haben Sie eingespielt. Welche sind Ihnen, und warum sind diese Ihnen besonders wichtig?
Zwei stilistisch extrem auseinander liegende Aufnahmen sind meine „Lieblingskinder“:
Die Einspielung der 16 Namens-Sinfonien von Joseph Haydn, die ein qualitativen Höhepunkt bei den Einspielungen meines Kammerorchesters bedeuten und immer gut sind für herrliche musikalische Überraschungen sowie meine zweite „Ring“- Einspielung, weil ich dort auch mein Ideal der Klangbalance einer Opernaufnahme im Rahmen einer Live-Aufnahme weitgehend verwirklichen konnte, die das Orchester nicht als Begleitung hören läßt und den Sängern das Mikro vollständig unrealistisch in den Mund hängt.


In wenigen Tagen beginnt Ihr letzter Jahrgang der Musikfestspiele. Ihr Tipp? Ihre Vorfreude?
Ich freue mich auf einen Jahrgang, der konzeptionell vielleicht noch geschlossener ist, als mancher anderer Jahrgang, der auch unter der Kürze der Vorbereitungszeit gelitten hat. Mein Tipp: Der Tag der Utopien im Hygiene-Museum mit vielen spannenden Projekten, „Singing Joints“ ein Tanzabenteuer, wie wir es vielleicht nur im letzten Jahrgang hatten, Radu Lupu, Andreas Scholl und die Missa solemnis.

Wo und wann kann man Sie hier zu Lande nach den Musikfestspielen erleben?
Wenn Sie mit „hier zu Lande“ Dresden meinen, wird das wohl kaum der Fall sein.
Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich gebraucht werde. Das ist eben Paris, London, Tokyo, Los Angeles, Montreal, New York, Amsterdam, Berlin, München....