Interview-Verzeichnis (alle)

11. Mai 2010 · www.mdr.de

Hartmut Haenchen dirigiert Beethovens Missa solemnis

Konzert im Leipziger Gewandhaus

Interview

"Ich mache große Chorstücke ausgesprochen gern"
Hartmut Haenchen im Gespräch
Die niederländische Tageszeitung "Trouw" schrieb nach den Konzerten der Missa Solemnis in Amsterdamer Concertgebouw im Februar, Sie hätten sich wieder einmal als "Kathedralenbauer" bewiesen. Wie gefällt Ihnen dieser Vergleich?

Das ist natürlich ein sehr schönes Kompliment, gerade bei diesem Werk. Die Missa Solemnis hat im Aufbau und der Konstruktion seine Tücken und übersteigt alle Dimensionen vorheriger Messen. Da muss man schon ein sehr genauer "Baumeister" sein.

Dirigent Hartmut Haenchen bei der Arbeit
Inwieweit lässt sich die Missa Solemnis von Beethoven denn mit einer Kathedrale vergleichen?

Beethoven hat, wenn man so will, einen neuen Baustil erfunden. Was die Länge angeht, ist sie zweimal so lang wie Messen zuvor. Die Besetzung ist doppelt so groß. Die Ansprüche an Chor, Solisten und Orchester sind sehr hoch. Henriette Sonntag, eine der Solistinnen der Uraufführung, sagte sogar, sie hätte in ihrem Leben noch nie so etwas Schweres gesungen. Das umschreibt die Äußerlichkeiten. Doch auch was die innere Struktur betrifft, hat Beethoven die überlieferte Form verändert. Er hat die Trennung von Chören und Arien durchbrochen und hat die fünf Sätze durchkomponiert. Und, da sind wir wieder bei der Baukunst, Beethoven hat das Licht einbezogen, wobei er das himmlische vom irdischen getrennt hat. Vorher gab es in den Messe-Kompositionen nur himmlisches Licht, aber der Frieden, der hier besungen wird, hat durchaus auch eine irdische Dimension. Diese großen Durchbrüche Beethovens haben dafür gesorgt, dass Türen aufgestoßen, dass in der Kirchenmusik andere Wege möglich wurden. Ich finde die Missa Solemnis so spannend, weil es eine ganz persönliche Auseinandersetzung des Komponisten mit seinem Glauben ist. Nehmen wir das Credo, das ist sehr instabil. Für mich heißt das, Beethovens Glauben war instabil. Er lässt seine Glaubensfragen hören, das ist für seine Zeit sehr ungewöhnlich. Es mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass das Stück zunächst kaum aufgeführt wurde.
Sie waren lange Jahre Chefdirigent in Amsterdam, dann waren Sie einige Jahre Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Nun trifft man Sie in Paris und London. Ist man als Dirigent zwangsläufig Weltbürger?

Ab einer bestimmten Qualität der Arbeit ist man zwangsläufig auch Weltbürger. Ich bin da eigentlich noch eine Ausnahme, weil ich 20 Jahre in Amsterdam geblieben bin, wo ich jedes Jahr 42 Wochen vor Ort war. Aber nun ist es neben Amsterdam eben Paris, London, Wien, Tokio, Brüssel, bald auch Madrid. Das ist eher Anstrengung als Genuss, denn man erlebt die Orte kaum außerhalb des Konzertsaals. Da ich aber jemand bin, der gern etwas aufbauen möchte, der kontinuierlich arbeiten will, versuche ich, nicht überall zu sein. Stattdessen konzentriere ich mich auf einige Orte, an die ich regelmäßig zurückkehre.
1996 ist in den Niederlanden ein Buch über Sie herausgekommen mit dem Titel "Twijfel als Wapen" - also "Zweifel als Waffe". Was ist damit gemeint?

Es ist ein Zitat von mir und gemeint ist meine Art, mich den Meisterwerken der Musik zu nähern. Da ist der Zweifel in dem Sinne zu meiner Waffe geworden, dass ich immer wieder alles hinterfrage. Ich sage in dem Buch auch, wenn ich auf Podium stehe, muss ich von dem, was ich tue, vollkommen überzeugt sein. Aber sobald ich abgehe, muss ich diese Überzeugung schon wieder hinterfragen. Nur so kommt man als Interpret weiter. Das Wort Waffe mag dafür etwas kriegerisch klingen, das liegt aber daran, dass das Buch auch vom Musikbetrieb ganz allgemein handelt.
Man findet viele Interviews mit Ihnen und Wortmeldungen von Ihnen. Warum ist es wichtig, über Musik zu sprechen?

Als ich in Amsterdam anfing, war die Situation sehr kompliziert. Es gab eine Fusion von drei Orchestern und es gab ein Publikum, das erst wachsen musste. Damit meine ich, wachsen am Programm. Ich wollte es weiter entwickeln und ich wollte die Leute mitnehmen. So kam es, dass ich mich sehr viel schriftlich und mündlich geäußert habe, in Texten oder in Vorträgen. Es war mir wichtig, das Publikum zu überzeugen, was dann auch gelungen ist. Heute wird in Amsterdam ein außergewöhnlich zeitgenössisches Programm gemacht, sowohl im Konzertsaal als auch in der Oper.
Sie waren Mitglied des Kreuzchores und haben neben dem Dirigieren auch Gesang studiert. Liegt darin das Geheimnis, dass Sie mit Chören und in Opernproduktionen besonders erfolgreich sind?

Ich gebe zu, dass ich die großen Chorstücke ausgesprochen gern mache. Es kommt sogar vor, dass ich hin und wieder A-cappella-Werke dirigiere. Diese Vorliebe hat mich immer begleitet und ich denke, dass sie auch einen positiven Einfluss auf das Instrumentale hat. Denn mir wird heute zuwenig instrumental gesungen. Da spielt zum Beispiel der Atem eine wichtige Rolle und ähnliches. Andererseits höre ich von Opernsängern, dass sie sich bei mir besonders geborgen fühlen. Weil ich die Nöte auf der Bühne aus eigener Erfahrung kenne.
Die Fragen stellte Bettina Baltschev