Interview-Verzeichnis (alle)

24. Juli 2016 · Bayerischer Rundfunk

"Der Fluss der Sprache bestimmt das Tempo"

Interview mit Meret Forster, Im BR-KLASSIK-Interview verrät der Dirigent, wie es ihm gelang, dem "Parsifal" in der knappen Probenzeit seine musikalische Handschrift zu verleihen.

https://www.br-klassik.de/themen/bayreuther-festspiele/aktuell/hartmut-haenchen-parsifal-bayreuth-interview-100.html

BR-KLASSIK: Herr Haenchen, Sie haben im Urlaub  die Anfrage aus Bayreuth erhalten,   das "Parsifal"-Dirigat zu übernehmen. Was ging in Ihnen vor?

Hartmut Haenchen: Ich hatte gerade meine Sachen ausgepackt - wobei "Urlaub" ist übertrieben: Ich nehme mir im Jahr ca. zwei Wochen Zeit, um die nächste Saison vorzubereiten. Dann flüchte ich immer an einen ruhigen Ort, in diesem Fall war es die Ostsee. Dort hatte ich alle Partituren und Orchestermaterial mit, die ich für die nächste Saison brauche. "Parsifal" hatte ich natürlich nicht dabei. Ich hatte schon im Vorfeld von Andris Nelsons‘ Absage gehört und bin am Sonntag in meinen "Arbeitsurlaub" gefahren. Am Dienstagmorgen rief mich dann Katharina Wagner an.

BR-KLASSIK: War es für Sie sofort klar: Das mach' ich?

Hartmut Haenchen: Sofort war es nicht klar, weil ich natürlich wissen wollte, welche Chancen ich habe, auf die Produktion zumindest musikalisch noch Einfluss zu nehmen. Auf die Bühnenproduktion habe ich natürlich gar keinen Einfluss mehr - die war zu diesem Zeitpunkt schon fertig. Ich habe auch keine Chance gehabt, mit dem Regisseur Uwe Eric Laufenberg Ideen zu entwickeln oder über Details zu sprechen. Natürlich haben wir uns inzwischen über Konzepte usw. verständigt. Ich gestehe, dass es mir bis jetzt nicht gelungen ist, die Produktion zu sehen, weil ich im Orchestergraben die Bühne nur zur Hälfte sehen kann - und zu einer Klavierbühnenprobe war ich ja noch nicht da. Ich hab nur eine Ahnung, was passiert, aber ich kenne das Konzept und ich denke, damit können wir eine gemeinsame Produktion machen - auch wenn wir nicht gemeinsam dran gearbeitet haben.

BR-KLASSIK: Uwe Eric Laufenberg hat gesagt, dass Ihr Zugang zu "Parsifal" sich wesentlich von Andris Nelsons‘ Zugang unterscheidet. Nelsons hat ja bereits Vorarbeit geleistet. Worauf sind Sie da gestoßen?

Hartmut Haenchen: Zunächst weiß ich natürlich nicht, was er gemacht hat. Ich kann nur den Reaktionen der Sänger entnehmen, in welche Richtung er gearbeitet hat. In der Kürze der Zeit bedarf es erheblicher Probenarbeit, um das Werk auf den Punkt zu bringen, wo ich es gerne hätte. Wobei ich auf keinen Fall beurteilen will, was Nelsons gemacht hat, weil ich es nicht gehört habe. Ich kenne natürlich ein paar Wagner-Sachen von ihm – die sich von meiner Auffassung deutlich unterscheiden. Aber ich bin jetzt beim Orchester und bei den Solisten auf einem Punkt, wo meine Handschrift zumindest zu erkennen ist.

BR-KLASSIK: Sie haben in einem Gespräch in Bezug auf "Parsifal" gesagt: Man muss erzählen und nicht zelebrieren. Was heißt es konkret?

Hartmut Haenchen: Wagner hat das Werk ja auch nicht "Oper" genannt - aus gutem Grund. Die Handlung des Stückes ist vor allem im ersten Akt beschränkt. Es wird erst Mal 45 Minuten lang erzählt. Und wenn ich das zelebriere, dass die Texte auseinander fallen, dass man die Textzusammenhänge nicht mehr verstehen kann, weil man Tempi wählt, die Textverständlichkeit unmöglich machen - dann wird es zelebriert, aber nicht erzählt. Und ich lege großen Wert drauf - und da stützte ich mich natürlich auf die Quellen - dass die Geschichte erzählt werden muss. "Der Fluss der Sprache bestimmt das Tempo", - das hat Wagner selbst gesagt. Und dem muss man sich grundsätzlich unterordnen.  

BR-KLASSIK: Sie haben Ihre eigenen Noten mitgebracht – warum ist dieses Notenmaterial für Sie unverzichtbar?

Hartmut Haenchen: Es wird hier bei den Bayreuther Festspielen aus sehr traditionsreichem Notenmaterial gespielt: Die Bläser spielen sogar aus handgeschriebenen Noten, die Streicher spielen aus dem Erstdruck. Inzwischen ist die Wissenschaft natürlich weiter fortgeschritten, es gibt eine neue Wagner-Gesamtausgabe. Wir müssen uns das so vorstellen: Wagner hat erst Mal eine Skizze geschrieben, dann hat er eine Partitur geschrieben, dann hat Humperdinck eine Partitur geschrieben, die schon Veränderungen und Anweisungen von Wagner gegenüber seiner eigenen Handschrift enthält, dann gibt es die Uraufführungspartitur, die ich mir hier noch Mal angeschaut habe, - die weicht auch schon wieder von den anderen Partituren ab. Dazu habe ich Aufzeichnungen von Probenarbeiten von Wagner zusammengetragen: Hier sind viele Legato-Bögen korrigiert worden, die Artikulation ist wesentlich verändert worden. In dem Druck ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Punkt und Keil, also zwischen leichtem Staccato und akzentuiertem Staccato überhaupt nicht sichtbar, aber für Wagner war es ganz wichtig. Und all diese Dinge habe ich in das Material reingeschrieben - allein in der ersten Geigenstimme sind es mehr als 300 Unterschiede gegenüber der Stimme, aus der das Orchester immer "Parsifal" gespielt hat. Das sind Kleinigkeiten, – Sie hören kein neues Stück – die aber das Klangbild verändern.