Interview-Verzeichnis (alle)

01. Januar 1998 · Odeon, Nr. 29 1998, Seite 17

Siegfried (siehe Wagner-Buch)

Bemerkungen und Dokumente zu Siegfried

Wenn man den Ring als dramatische Sinfonie in 4 Sätzen betrachtet, dann hat Siegfried die Stellung des Scherzo - allerdings eines monumentalen (Wagner: "Denn was ich niederschreibe, ist eben alles Superlativ"). Ein sehr zwielichtiges Scherzo zugleich. Trotz der Idylle, die Zertrümmerung des Götterspeers (Symbol der alten, korrumpierten Weltherrschaft). Der Weg für den "neuen Menschen" ist frei. Daß auch er zu Schuldverstrickung und Untergang führen wird, verrät die Siegfried-Partitur noch nicht.
Das ist dann auch der Unterschied der Siegfried-Figur Wagners zum volkstümlichen Helden der Sage und der Unterschied zum Sigurd der nordischen Sage.
Am Anfang von Wagners Schöpfungsprozeß stand die dramatische Dichtung Siegfrieds Tod. Am Anfang der sich über 26 Jahre erstreckenden Arbeit am Ring standen Siegfried-Noten: die Skizzen zu einer Szene Siegfried-Brünnhilde und zu einer der Nornen, datiert vom 12.8.1850, also um vier Jahre älter als die ersten Takte des Rheingold.
Siegfrieds Tod wurde im Revolutionsjahr 1848 als Einabend-Drama entworfen. Es genügte seinem Schöpfer, je mehr seine Phantasie in die Tiefe drang, nicht mehr. Die Dichtung setzte Ringe an, erweiterte sich rückwärts Schritt für Schritt, chronologisch in Richtung Rheingold: Tragischer Siegfried - Jüngling Siegfried - Siegmund/Wotan - bis zum Ursprung der Welt: Rheingold.

Der Übergang von der Romantik im 1. und 2. Akt zur Spätromantik vollzieht sich mit dem 3. Akt.

Tagebucheintragung Eduard Devrients vom 12. Oktober 1848:
Gegen Abend kam Kapellmeister Wagner, den ich trotz Thereses Widerspruch geladen hatte. Mag er auch jetzt politisch anrüchig sein, man darf ihn darum nicht gesellschaftlich desavouieren. Er las uns seine Zusammenstellung der Siegfriedsagen vor; es war mit großem Talent gemacht. Er will eine Oper daraus bilden; das wird nichts werden, fürchte ich. Die nordische Mythe findet wenig Sympathie, schon weil sie unbekannt ist; und diese rohgeschnittenen Riesengestalten müssen der Einbildungskraft überlassen bleiben, die Wirklichkeit unserer Bühne macht sie klein und tändlich. Auch holt Wagner immer zu weit aus und knetet seine modernen Anschauungen ein.

Erinnerung Wilhelm Tapperts an ein Gespräch mit Richard Wagner:
Daß das kleine Fugato über Jung-Siegfrieds Hornmotiv - in der Zwischenmusik nach dem Vorspiele zur Götterdämmerung - zu den frühesten Keimen gehört, bestätigte mir der Meister selbst.

R. Wagner in Mein Leben Jubiläumsausgabe S. 540f:
"...als ich auch Brünnhildes erste Anrede an Siegfried in Gesang übersetzte, entsank mir aber bald aller Mut, da ich nicht umhin konnte mich zu fragen, welche Sängerin im nächsten Jahre diese weibliche Heldengestalt in das Leben rufen sollte."

Brief Richard Wagners an Theodor Uhlig, Zürich, 10. Mai 1851:
"Habe ich Dir nicht früher schon einmal von einem heitren Stoffe geschrieben? Es war dies der Bursche, der auszieht "um das Fürchten zu lernen" und so dumm ist, es nie lernen zu wollen. Denke Dir meinen Schreck, als ich plötzlich erkenne, daß dieser Bursche niemand anders ist, als- der junge Siegfried, der den Hort gewinnt und Brünnhilde erweckt!"

Brief Richard Wagners an Theodor Uhlig, Zürich, 24. Juni 1851:
"Grüße Ritters tausendmal von mir - sag' ihnen, heute früh sei mein junger Siegfried fertig und wohlgereimt zur Welt gekommen."

Richard Wagner: "Eine Mitteilung an meine Freunde" Juli/August 1851:
"Die Handlung ist ihrem Wesen nach, bei aller Gewalt der Momente, die sie in sich schließt, durchaus heiterer Gattung: in ihr erklimmt mein Held nochmals die Höhe, die ich einst unter Leiden und verzehrendem Sehnen erstiegen; aber er ersteigt sie im heitersten Mute, um auf ihr nicht einsam zu stehen und verlangend zum Leben der Unwillkür zurückblicken zu müssen, sondern um gerade dort, auf der höchsten Spitze des Lebens, das Weib zu finden, das er zur seligsten Umarmung des Mannes erweckt. Alle Möglichkeiten für den vollendesten Ausdruck eines weitesten Inhaltes an das unmittelbar erfassende sinnliche Gefühl, die mir als solche durch mein bisheriges Kunstschaffen zur Erfahrung gekommen sind, werde ich nach Kräften hierbei als verwirklichte Möglichkeiten aufweisen. Im voraus aber rufe ich dem absolutem Musiker zu: wende dich ab von diesem Drama, es gehört dir und dem dir einzig möglichen Verständnis nicht an; dem absoluten Literaten sage ich: Blicke weg, du hast hiermit nichts zu tun!"

Brief Richard Wagners an August Röckel, 24. August 1851:
"Mein Held ist im Walde aufgewachsen und ward von einem Zwerge (dem Nibelungen "Mime") aufgezogen, um ihm den Riesenwurm zu erlegen, der den Hort bewacht. Dieser Nibelungenhort bildet ein ungemein bedeutsames Moment: Verbrechen aller Art haften an ihm. Siegfried ist nun ungefähr derselbe junge Bursche, der im Märchen vorkommt und auszieht, "um das Fürchten" zu lernen, - was ihm nie gelingen will, weil er mit kräftigen Natursinnen immer alles so sieht,
wie es ist. Er erlegt den Riesenwurm und erschlägt seinen Erzieher, den Zwerg - der ihn um des Hortes willen heimlich umbringen will. Siegfried, sehnsuchtsvoll aus der Einsamkeit herausverlangend, vernimmt nun - die Gabe dazu hat er vom zufälligen Genusse des Drachenblutes gewonnen - die Stimme eines Waldvogels, der ihn auf Brünnhilde verweist, die auf einem Felsen - von Feuer umgeben - schläft. Siegfried durchdringt das Feuer und erweckt Brünnhilde - das Weib zu wonnigsten Liebesumarmung. Nur noch eines: - in unseren feurigen Gesprächen gerieten wir schon darauf: - nicht eher sind wir das, was wir sein können und sollen, bis - das Weib nicht erweckt ist. -"

Brief Richard Wagners an Theodor Uhlig, Zürich, 2.9.1851:
"Den Anfang hab´ ich schon im Kopfe; auch einige plastische Motive, wie den Fafner..."

Bericht Carl Friedrich Glasenapps über die Verbindungen der "Sieger" zum 3. Akt Siegfried:
"Selbst die musikalischen Themen des neuen Werkes regten sich damals schon in ihm, so vor allem das erhabene Thema, welches nachmals als sogenanntes "Welterbschaftsmotiv" in die Musik des dritten Siegfried-Aktes überging, wo es in der großen Szene Wotans mit Erda zum ersten Male erklingt."

Brief an Mathilde Maier, Wien, 15. Januar 1863:
"Als ich eines Morgens das Schmelzlied laut und hell bei offenem Fenster spielte und sang, hatte mein Nachbar draußen zugehört, und frug mich nun herüber, was denn das für eine furchtbar majestätische Musik wäre. Ich sage ihm, daß Siegfried dabei mit einem großen Schmiedebalge die Glut nähre, welche die Stahlspäne des von ihm zerteilten Siegschwertes, (das einst in den Händen seines sterbenden Vaters in zwei Stücken zersprungen) zu Brei zerschmelzen sollte. Dazu hatte er nötig im Walde zuvor die mächtigste Esche zu fällen und zu Kohle zu verbrennen; die Funken der Zornigen sprühen ihn an. Es hilft ihr nichts: sie muß brennen und ihm den Stahl schmelzen. Daraus wird denn ein furchtbar hartes Schwert, das dazu taugt, die kühnste Tat zu verrichten. "Sie sehen", sagte ich, "eine schreckliche Art von Künstler, drum klingt auch sein Gesang fast wie majestätische Klage."

Richard Wagner in Mein Leben über die Vollendung der Kompositions- und Orchesterskizze des 2. Aktes Siegfried:
"Meine täglichen Spaziergänge richtete ich an den heiteren Sommernachmittagen nach dem stillen Sihltal, in dessen waldiger Umgebung ich viel und aufmerksam nach dem Gesange der Waldvögel lauschte, wobei ich erstaunt war, die mir gänzlich neuen Weisen von Sängern kennenzulernen, deren Gestalt ich nicht sah und deren Namen ich noch weniger wußte. Was ich von ihren Weisen mit nach Hause brachte, legte ich in der Waldszene Siegfrieds in künstlerischer Nachahmung nieder. Anfangs August war ich mit der sorgfältig skizzierten Komposition auch dieses zweiten Aktes zu Ende. Ich freute mich, für den dereinstigen Wiederbeginn der Fortarbeit mir gerade den dritten Akt mit der Erweckung Brünnhildes vorbehalten zu haben; denn es war mir, als ob alles Problematische meiner Arbeit nun glücklich gelöst und jetzt nur noch der eigentliche Genuß derselben zu gewinnen übrig sei."

Brief an Hans von Bülow, Starnberg, 30.9.1864:
"Ich bin für den 3ten Akt des Siegfried wunderbar gestimmt: namentlich für die erste Szene des Wotan: das soll ein Vorspiel werden, kurz - aber mit Akzent."

Bericht des Grafen Du Moulin Eckart über das Siegfried-Idyll, nach einer Tagebucheintragung Cosima Wagners im Frühjahr 1878:
"Aber sie selbst übt mit unsäglicher Rührung das Idyll, und während sie spielt, kommt er leise hinzu und hört zu. "Wie ich ihn bemerkte, sagt er mir: das erste Thema habe er damals in Starnberg bei meinem Besuch aufgeschrieben! Ja, ja, wir wissen schon, woher alles stammt."
In der 3. Szene des III. Aktes Siegfried (Brünnhilde: Ewig war ich, ewig bin ich) verwendete Wagner (im Mai/Juni 1869) in Starnberg 1864 entstandene Motive, die auch ins Siegfried-Idyll (1870) aufgenommen wurden und ursprünglich für ein Quartett gedacht waren."

Brief Richard Wagners an Ludwig II., München, 6. November 1864:
"Es ist die erhabenste Szene des tragischsten meiner Helden: Wotan, das ist: der allgewaltige Lebenswille, hat sein Selbstopfer beschlossen; größer jetzt im Entsagen, als je da er begehrte, fühlt er sich jetzt allmächtig und der irdischen Urweisheit, der Naturmutter "Erda", welche ihn einst die Furcht vor seinem Ende lehrte, ruft er zu, daß kein Bangen ihn mehr fesseln könne, da er mit demselben Willen, mit dem er einst nur das Leben begehrte, jetzt sein Ende will. Sein Ende? Er weiß, was Erdas Urweisheit nicht weiß: daß er in Siegfried fortlebt. In Siegfried lebt Wotan fort, wie der Künstler in seinem Kunstwerk: je freier und selbstlebender dieses, ganz wie von sich allein, besteht [und] keine Spur des bildenden Künstlers mehr an sich trägt, so daß über ihm, dem Kunstwerk, der Künstler selbst vergessen wird, - desto vollkommener findet der Künstler selbst sich befriedigt: So ist, in einem gewissen hohen Sinnen, sein Vergessenwerden, sein Verschwinden, sein Tod - das Leben des Kunstwerkes. - Dies ist meine Stimmung, in welcher ich mich nun zur Vollendung meines Werkes zurückwende: ich will mich - um ewig zu leben - von meinem Siegfried vernichten lassen! O, schöner Tod! -
Mit welcher Weihe werde ich nun Brünnhilde erwecken aus ihrem langen Schlafe! Sie schlief, während Siegfried zum Jüngling heranwuchs. Wie bedeutungsvoll muß mir dies jetzt alles dünken! Meine letzte Musik war die Verkündigung des Waldvogels an Siegfried, daß er Brünnhilde erwecken könne, wenn er das Fürchten nicht gelernt habe: er lief lachend dem Vogel nach, der davonflatternd ihm den Weg zu dem Zauberfelsen zeigte. - Dieser Weg, mein holder, königlicher Freund! - mir ward er lang und beschwerlich. Ich glaubte nie, nie an den Felsen zu gelangen. Doch, bin ich Wotan, so gelingt es mir nun durch Siegfried: Er weckt die Jungfrau, das Teuerste der Welt."

Wagner benutzte die Schlußverse "Sie ist mir ewig/ ist mir immer/ Erb´und Eigen,/ Ein´und All´"
Siegfrieds mit Brünnhilde für zweimalige Liebeswerbung: Erst an Mathilde Wesendonck, Luzern 9. Juli 1859 und 24. Juni 1868 an Cosima von Bülow.

Brief Richard Wagners an Ludwig II., Tribschen, 23./24. Februar 1869:
"Während er (Siegfried) hervortritt, hört man unheimlich (zu den Reden der beiden Nibelungen) das Motiv des Ringes durch die Begleitung sich winden: jetzt geht es, mit höchster, geisterhafter Weichheit, in das Thema der Rheintöchter, am Schlusse des Rheingoldes - (Sie wissen dies vom letzten Abende im Residenztheater her?) - über: "Rheingold! Reines Gold! ach, leuchtetest du noch in der Tiefe!" Dieses lassen jetzt, zu dem leisen Zittern der Saiteninstrumente, sechs Hörner, wie aus einer fernen Natur-Traumwelt her, vernehmen. Die bedeutungsvolle Rührung, die uns hier erfaßt, ist überwältigend! Als der Vogel von Neuem Siegfried vor dem heranschleichenden Mime gewarnt, und dieser von ferne ihm sich nähert, überlegend, wer dem Knaben wohl den Ring nachgewiesen haben könnte, hören wir leise, leise die liebevolle Sorge der Mutter Sieglinde um den Sohn, den sie sterbend gebar, in melodischer Zartheit erklingen. Der Vogel spannt fortgesetzt durch leise Warnungsphrasen unsre Aufmerksamkeit, als Mime sich nun schmeichelnd an Siegfried wendet. - Endlich, da nun auch Mime erschlagen, bricht in dem bisher so übermütigen Jüngling das Gefühl der gänzlichen Einsamkeit schmerzlich hervor: nur Bär, Wolf, Lindwurm, sind sein Umgang; der Waldvogel, dessen Sprache er nun versteht, ist ihm wie das einzige Wesen, dem er sich verwandt fühlt. Und nun der Wonneschreck, als dieser ihm Brünnhilde verkündet!! Ja, und was das Alles heißt? Das ist keine Familienkinderszene; das Schicksal der Welt hängt von dieser göttlichen Einfalt und Einzigkeit des furchtlosen Einzigen ab! - Über den dritten Akt: "Da treffen wir, wie die Hellenen in der dampfenden Erdspalte zu Delphi, auf den Mittelpunkt der großen Welttragödie: ein Weltuntergang steht bevor; der Gott sorgt für die Wiedergeburt der Welt, denn er ist der Wille der Weltwerdung selbst. Hier ist Alles erhabenes Grauen, nur in Rätseln ansprechbar."

Brief an Ludwig II, Tribschen, 22. März 1869:
"Sehr, sehr rührend und ergreifend wird diese entscheidungsvolle Begegnung Wotans mit seinem furchtlosen Sprossen, dem er freund-, ja endlich feindlich sein muß, und der ihm doch das Liebste, das Urbild all seines Wollens ist!"

Tagebucheintragung Cosima von Bülows vom September 1869:
Wagner: „Der Liebeskuß ist die erste Empfindung des Todes, das Aufhören der Individualität. Darum erschrickt Siegfried dabei so sehr.“