Texte

16. September 2018

Die Welt hat einen Komponisten verloren und ich einen Freund

Zum Tode von Ivo Petric.

Was ist ein Freund? Ein Freund begleitet dich in schlimmen Tagen, er hilft Dir in der Not, er zeigt dir die Schönheiten des Lebens, die Schönheiten der Welt und lehrt dich den Genuss und kann mit dir lachen und weinen. Es gibt Freunde, die sieht man relativ selten, doch wenn man sich sieht, ist es, als wäre nur ein Tag zwischen dem letzten Abschied und dem Wiedersehen gewesen. Vor 40 Jahren, als ich Dirigierverbot hatte, kam ein stattlicher, gut aussehender Mann, ausgezeichnet deutsch sprechend, auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht einmal nach Ljubljana kommen wolle, um die Philharmonie zu dirigieren. Ich fragte erstaunt, wie er auf mich käme, zudem in einer Situation, wo ich nicht einmal ein Paß
29. Februar 2016

Zum Tode von Winfried Maczewski

Fast 30 Jahre Zusammenarbeit mit diesem Chormeister gingen zu Ende

Meine Gedanken gehen fast 30 Jahre zurück. In der Zeit des Umbruchs bei der Niederländischen Oper wurde 1987 ein neuer Chordirektor gesucht, der 1988 sein Amt antreten sollte. Es war das Ende der Zeit von Intendant Jan van Vlijmen und es galt für den damaligen "muzikaal directeur" diese Position mit Blick auf die Zukunft zu besetzen. Der "muzikaal directeur" wollte den Chor der Niederländischen Oper wesentlich vergrößern, was dann auch in Zusammenarbeit mit dem neuen Chordirektor gelang. Es gelang auch, konsequent mehr niederländische Sänger an den Chor zu binden. Das war unsere gemeinsame Strategie. In den zahllosen Vorsingen für Haus- und Extrachor war unsere absolute künstlerische
06. Januar 2016

Vertraue dem Orchester!

Kurt Masur war ein Kapellmeister im besten Sinne. Der Dirigent Hartmut Haenchen nimmt Abschied von einem Künstler, dem nicht nur er selbst viel zu verdanken hat

Den Titel «Gewandhauskapellmeister» gibt es immer noch. In den bisher stürmischsten Zeiten des Orchesters trug ihn Kurt Masur, zu Recht. Kapellmeister – das ist ein Ehrentitel, die Übersetzung des italienischen «Maestro di cappella». Es gibt ihn also nicht, den von den Medien immer wieder herbei geredeten Qualitätsunterschied zwischen «Maestro» und «Kapellmeister». Und Kurt Masur war viel mehr als das. Wir haben an ihm auch den Hausvater eines Konzerthauses verloren, das ohne ihn nie gebaut worden wäre: das neue Leipziger Gewandhaus. Und einen der entscheidenden Väter der Friedlichkeit der Revolution von
12. August 2015

Harry Kupfer zum 80. Geburtstag

Harry Kupfer hat mir die Ausreise aus der DDR ermöglicht.

Das war sicher nicht seine Absicht, aber manchmal gestalten sich die Dinge anders: Nachdem ich nach einem politischen Eklat als Chefdirigent der Mecklenburgischen Staatstheater meinen Reisepass nicht mehr nutzen durfte, somit bis auf wenige Ausnahmen Dirigierverbot hatte und auch mein Engagement als Chefdirigent der Komischen Oper vor Amtsantritt gekündigt wurde, stand eine ganz einfache Frage im Raum: Wie wird dieser Vertragsbruch finanziell abgegolten. Ich wollte kein Geld ohne Arbeit. Die Komische Oper bot mir daraufhin als erste Möglichkeit Aribert Reimanns Lear an. Ich fuhr nach Berlin um mit Harry Kupfer darüber zu sprechen. Er kannte mich aus Dresden als Dirigent klassischer und barocker Musik
19. Februar 2014

Lieber, verehrter Herr Prof. Pischner!

Brief zum 100. Geburtstag

1971 erhielt ich einen ersten Anruf von Ihrem Büro, als ich gerade mein Repertoire vom reinen Konzertdirigenten zum (auch) Operndirigenten zu erweitern versuchte, ob ich die Choreinstudierung von Modest Mussorgskis Boris Godunow an der Deutschen Staatsoper Berlin übernehmen möchte. Es wäre sozusagen das Probedirigat für die Stelle des 1. Chordirektors, die frei wurde. Ich sagte zu. Wenig später erkrankte der Dirigent der Produktion Heinz Fricke und ich bekam die Frage, ob ich ohne Probe die Vorstellung der Oper in der Fassung von D. Schostakowitsch mit 12 Bildern übernehmen wolle. Ohne je eine Oper dieses Ausmaßes dirigiert zu haben, sagte ich zu. Körperlich konnte ich das aus Unerfahrenheit nicht bewältigen, aber es war
25. Mai 2008

Hartmut Haenchen zieht Bilanz über 6 Jahrgänge Dresdner Musikfestspiele

drastische Verjüngung des Publikum, Besucherrekord mit 150.000 Hörern, Kartenverkauf-Rekorde, Kampf um den Erhalt der DMF, Internationale Stars und weltberühmte Orchester, BILANZ ALS PDF

In der abschließenden Pressekonferenz hat Hartmut Haenchen am 25. 5. seine Bilanz über die Dresdner Musikfestspiele 2003-2008 gezogen. Er hatte seinen Vertrag wegen ständig geringerer Subvention nicht verlängert. Er dirigierte in diesen 6 Jahren eine Reihe wichtiger Konzerte: Francesco A. d’Almeida: Sinfonie F-Dur (Wiedererstaufführung) Carl Philipp Emanauel Bach: Sinfonie G-Dur, Sinfonie Es-Dur Johann Sebastian Bach: Hohe Messe in h-Moll Henk Badings: Sinfonie Nr. 9 (Erstaufführung) Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg, Violinkonzert Nr.
20. April 2006

Editorial für die Zeitungsbeilage der Dresdner Neuesten Nachrichten zu den DMF 2006

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gäste der Dresdner Musikfestspiele 2006! Vor mehr als 800 Jahren wurde die Stadt Dresden (übersetzt etwa: „Am Walde“) durch die Christianisierung einer slawischen Siedlung gegründet. Der christliche Glaube veränderte die damalige Gesellschaftsform. Grund genug, um aus Anlass des Stadtjubiläums sich dem Thema „Glauben“ zu widmen, denn auch heute verändern verschiedene Glaubensformen unser Zusammenleben. Wir versuchen mit dem Programm der Dresdner Musikfestspiele das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten: Mit dem Ziel des gegenseitigen Verständnisses, was sich in Dresden aus historischen Gegebenheiten zwischen den verschiedenen Formen des christlichen Glaubens
20. April 2006

Editorial zur Zeitungsbeilage der Sächsischen Zeitung zu den Dresdner Musikfestspielen

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gäste der Dresdner Musikfestspiele 2006! Die Frauenkirche zu Dresden ist als Zeichen der Versöhnung wiedererstanden. Im ökumenischen Festgottesdienst zur Eröffnung der Feierlichkeiten zum 800-jährigen Bestehen der Stadt sprach Bischof Reinelt auch vom früheren „Zank“ zwischen den christlichen Religionen und vom besonderen Dresdner Weg des gewachsenen Miteinanders unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Dieser Gottesdienst, in dem der Oberbürgermeister Ingolf Roßberg die Lesung aus der Bibel sprach, bestätigte mich darin, dass die Wahl des Themas „Glauben“ zunächst für das Festjahr Dresdens schon eine richtige Wahl ist. Schließlich ist Dresden auf Grund der
21. Mai 2004

5 Tage-Tagebuch vor den Dresdner Musikfestspielen 2004

Die Niederländische Philharmonie bat Hartmut Haenchen ein 5-tägiges Tagebuch im Zusammenhang mit den "Walküre"-Aufführungen in Amsterdam zu schreiben. Dies wird in dem Journal des Orchesters "encore" veröffentlicht.

Eine PDF ist am Ende des Textes zum download verfügbar Tagebuch vom 17.5. 2004 - 21.5. 2004 Aufgezeichnet für die Monatszeitschrift Encore, 2004 Montag, 17.5. Gestern eine sehr gute Walküre-Vorstellung. Vor allem der 1. Akt wie aus einem Guss. Im zweiten Akt Reinhild Runkel in bekannter Intensität als Einspringer vom 99er Ring zurück. Das ergibt doch einige Veränderungen im Gesamtaufbau. Am Klavier natürlich probiert, doch ohne Orchesterprobe. Heute früh auf. Das fällt schwer. Trotzdem noch etwas Yoga und Training auf der
10. Februar 2004

Zahlen für den Erhalt der Musikfestspiele. Rede von Prof. H. Haenchen zur Pressekonferenz am 10.2.2004

Ein Bündnis aller Bürger soll den weiteren Kulturabbau verhindern. Am Beispiel der Dresdner Musikfestspiele wird vorgerechnet, welchen ökonomischen Nutzen eine Kultureinrichtung bringen kann, wenn schon über Inhalte und ideellen Nutzen nicht mehr gesprochen wird

Da die Stadt Dresden Ihre Begründung zur Auflösung der Dresdner Musikfestspiele nicht auf den ideellen Werten solcher Festspiele basiert, sondern die sich ausschließlich auf Zahlen bezieht, die nicht korrekt sind, muß ich leider auch ausschließlich mit Zahlen argumentieren, da künstlerische Argumente nicht gefragt sind. Die Zahlengrundlage stimmt aus zwei Gründen nicht: Ersten stimmt die Annahme nicht, daß die Bundesrepublik ihre
24. November 2003

Die Gräfin Cosel

Manuskript zum Vortrag für die Themenreise zu den Dresdner Musikfestspielen 2004 von Hartmut Haenchen auf der Grundlage von Gabriele Hoffmans Buch „Constantia von Cosel und August der Starke“, Verlag Bastei-Lübbe, 1984 und anderen Quellen

Prof. Hartmut Haenchen Manuskript zum Vortrag „Die Gräfin Cosel“ für die Themenreise zu den Dresdner Musikfestspielen 2004 von Hartmut Haenchen auf der Grundlage von Gabriele Hoffmans Buch „Constantia von Cosel und August der Starke“, Verlag Bastei-Lübbe, 1984 und anderen Quellen (3. Entwurf) Viele Märchen handeln von Prinzessinnen, viele Märchen sind grausam.... 9 Jahre war die C (CONSTANTIA, wie König August sie nannte) die mächtigste Frau in Sachsen. 49 Jahre lebte sie als Gefangene, von 46 Soldaten bewacht, davon 23 Jahre in strenger
01. September 2003

Gedanken, Konzepte, Schwerpunkte und Themen zu den Dresdner Musikfestspielen ab 2003

von Prof. Hartmut Haenchen September 2004

Die Neuorientierung der Dresdner Musikfestspiele Die Dresdner Musikfestspiele sind das bedeutendste und größte klassische Musikfestival in Deutschland. Ihre Gründung im Jahr 1978 verdanken die Musikfestspiele der kulturellen Öffnung, die in den 70er Jahren in der ehemaligen DDR begann. Seitdem fanden die Dresdner Musikfestspiele eine starke Resonanz innerhalb der internationalen Musikwelt. Heute nehmen sie international und bundesweit einen hohen Stellenwert ein. Gegenwärtig kommen rund 40 Prozent der Besucher von außerhalb Sachsens. Eine besondere Qualität dieser Festspiele ist ihre traditionell und künstlerisch gewachsene Funktion als einzigartige kulturelle
01. September 2003

Dresdner Musikfestspiele - Konzeption, Kultur & Markt

von Prof. Hartmut Haenchen September 2004

Die Neuorientierung der Dresdner Musikfestspiele Zweck, Sinn und Ziel des faszinierenden Ereignisses "Musikfestspiele" erschöpfen sich für mich nicht in der Einladung zu einem außergewöhnlichen Fest, sondern gipfeln in der Aufforderung an die Dresdner und ihre Gäste, im Rahmen der Musikfestspiele Bekanntes und Neues, Vertrautes und Ungewohntes, Nahes und Fernes aus neuen Blickwinkeln und unter ungewöhnlichen Gesichtspunkten zu entdecken. Daher ist für mich der Gedanke wesentlich, dass Dresden während der Festspielzeit für seine und mit seinen Gästen „singt und musiziert“ und Verbindungen zu anderen Kunstgattungen sich aufbauen lassen. Eine der regelmäßig zurückkehrenden Reihen der
12. Februar 2003

Mulisch, Harry: Das steinerne Brautbett

Manuskript zur Vorbereitung des Gespräches, welches Hartmut Haenchen aus Anlaß der Lesung von Harry Mulisch zu den Dresdner Musikfestspielen 2003 hatte.

Das steinerne Brautbett Gespräch Hartmut Haenchen mit Harry Mulisch - Das Gespräch ist deutsch, was nach Ihrer Aussage für philosophische Erklärung ein Vorteil ist. Sie bezeichnen sich selbst als den unholländischsten Schriftsteller. Was ist für Sie der Unterschied dieser Sprachen? - Ihr Vater war (als Österreicher) als Bankangestellter – wie Sie sagten – ein kleines Rad in der Maschinerie der Endlösung. Das künstlerische Element schreiben Sie Ihrer jüdischen Mutter zu. - Deutsch haben Sie vor allem von der hausangestellten Frieda mit ostpreußischer Herkunft gelernt, obwohl zu Hause deutsch
01. Januar 2000

Klassieke Muziek Agenda 2001: "Voorwoord"

Vorwort in Terminkalender "Klassieke Muziek Agenda 2001" in niederländischer Sprache

Den Text als PDF-Datei können Sie am Ende des Textes downloaden. Voorwoord „Wer Musik nicht liebt, verdient es nicht, ein Mensch genannt zu werden; wer sie nur liebt, ist ein halber Mensch; wer sie aber treibt, ist ein ganzer Mensch.“ (Goethe) Geachte muziekliefhebber, De mens brengt graag grenzen aan, deelt de hem (haar) omringende werkelijkheid in hokjes in. Muziek doorbreekt juist grenzen, of verlegt ze. Daarom is muziek een groot goed, en een wezenlijke bestaansvoorwaarde. Zonder muziek zou ik niet kunnen leven, en dat geldt waarschijnlijk ook voor u, of u nu professioneel bent of een zogeheten amateur. Dat woord betekent letterlijk: liefhebber. Ook hier
20. März 1999

Musiker-Krankheiten

Manuskript zum frei gehaltenen Vortrag zur Eröffnung des Kongreßes über Musiker-Krankheiten in Amsterdam 1999

Manuskript zum Vortrag „Musiker-Krankheiten“ zum Kongreß über Musikerkrankheiten im Concertgebouw Amsterdam 1999 von Hartmut Haenchen Hochleistungssportler auf dem Gebiet der Musik, Weder Geld noch Wissenschaft im auch nur annähernd ähnlichen Umfang für dieses Gebiet zur Verfügung. Kaum körperliches Training, nahezu kein mentales Training. Ausbildung Information in den Orchestern Betreuung Dirigenten Christoph von Dohnányi im Stern-Interview 1996 : " Es gibt heute eine größere Partnerschaft zwischen Dirigenten und Orchestern, und die macht es unmöglich, daß der Dirigent sich noch wie ein Star verhält. Sie finden zuweilen sehr viel gebildetere Orchestermusiker als