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21. March 2023 · Dresdner Morgenpost

Hartmut Haenchen 80

 

1. Herr Haenchen, mit 80 ist man als Dirigent - und mit Blick auf Ihren Kollegen Blomstedt - noch nicht wirklich alt. Wie fühlen Sie sich?

Hartmut Haenchen: Herbert Blomstedt ist auch in unserem Geschäft eine Ausnahme. Aber ja, es gibt eine Reihe Kollegen, die in meinem Alter und darüber hinaus noch tätig sind. Kurt Sanderling stand auch bis  90 am Pult. Dass man nicht mehr jung ist, macht sich natürlich bemerkbar. Nach zwei Jahren Dirigierverbot während der Pandemie fiel es mir tatsächlich nicht so leicht, körperlich und auch mental, wieder in die Gänge zu kommen.

 

2. Was sind typische Dirigentenbeschwerden, was Ihre persönlichen Zipperlein?

Rücken und Schulter sind die gefährdeten Zonen in diesem Beruf. Versuchen Sie mal, nur zehn Minuten lang die Arme hochzuhalten! Wagner-Opern dauern manchmal bis zu fünf Stunden. Ich hatte Zeit meines Lebens Rückenbeschwerden. Als Kind lag ich im Gipsbett. Ich war Anfang 20, als mir ein Arzt sagte: Mit Ihrem Rücken dirigieren Sie höchstens bis 26!

 

3. Dirigieren ist Hochleistungssport. Wie trainieren Sie?

Bis heute mache ich Übungen, Yoga und Muskeldehnung.

 

4. Sie haben vor zehn Jahren schon Ihren Vorlass an die SLUB gegeben. Weil Sie befürchteten, nicht alt zu werden?

Es war eher der Wunsch, Dinge rechtzeitig zu klären. Es befand sich Einiges von Wert in meinem Bestand, wie eine originale Strauss-Handschrift. Dann ist es schön zu wissen, dass die Dinge am richtigen Platz sind, der Öffentlichkeit zugänglich und der Wissenschaft zur Verfügung stehend.    

 

5. In der Nacht vom 20. auf den 21. März feiern Sie in Ihren Geburtstag hinein. Erst ein Konzert, das Sie selbst leiten, dann ein Empfang. Schauplatz ist Amsterdam, das Concertgebouw. Amsterdam, besonders die Niederländische Oper, ist Ihr musikalischer Heimathafen, nicht wahr?

Das kann man so sagen. Zwanzig Jahre, von 1986 bis 2006, war ich in Amsterdam am Opernhaus. Dort konnte ich mit allen Spitzenorchesters der Niederlande zusammenarbeiten. „Mein Orchester – die Niederländische Philhamoniewar ein Fusionsensemble, als ich kam. Es zu entwickeln und auf das hohe internationale Niveau zu bringen, auf dem es heute musiziert, ist mein eigentliches Lebenswerk. Und ich freue mich darüber, dass die Nachfolger in meine Fußstapfen getreten sind. Sie hielten und halten Kontakt zu mir, so wie jetzt Lorenzo Viotti, der seit zwei Jahren im Amt ist.

 

7. Haben Sie alles erreicht, was Sie wollten?

Wenn ich zufrieden wäre als Dirigent, müsste ich aufhören. Ein Besser-geht-es-nicht gibt es in der Kunst nicht. Insofern ist auch der Musiker nie in völliger Übereinstimmung mit dem, was er abliefert. Was meine Karriere anbetrifft, bin ich der Zufriedenheit näher, auch weil ich seit vielen Jahrzehnten rund um die Welt gefragt bin. Nehmen Sie mein bevorstehendes Geburtstagskonzert. Es markiert außerdem den 65. Jahrestag meines ersten Auftritts als Dirigent und ist mein 800. Konzert im Concertgebouw. Damit bin ich dortiger RekordhalterV. Natürlich gab es auch verpasste Gelegenheiten. Ich war für einen "Tristan" an der MET in New York und einen "Parsifal" in Wien engagiert, beides hätte ich gern gemacht, beides fiel aus wegen Corona. So etwas gehört auch zu einem Künstlerleben.

 

8. Die Pandemie ist vorüber. Lassen sich diese Produktionen nicht nachholen?

Grundsätzlich wohl ja, aber sicher nicht von heute auf morgen. Ich meine, dass ich es mit über achtzig nicht mehr tun sollte. Es ist körperlich sehr anstrengend.  

 

9. Sie gelten als historisch genau informierter Dirigent, gleichwohl sind die kein Verfechter des Originalklang-Ideals. Warum nicht?

Weil es so etwas wie einen Originalklang meiner Überzeugung nach nicht gibt. Die gegenteilige Behauptung ist für mich reines Marketing und außerdem wissenschaftlich falsch. Der Musikbetrieb hat sich erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts international auf den Stimmwert des Kammertons von 440 Herz verständigt. Es gab vorher keinen Einheitswert, beinah jede Stadt hatte ihre eigene Stimmung, mit dem Resultat, dass Musik überall anders klang. Andere Faktoren treten hinzu, die den Klang und seine Wahrnehmung beeinflussen,  zum Beispiel Aufführungspraxis, Hörgewohnheit oder Raumgröße. Der Saal im Palais Lobkowitz in Wien, wo Beethoven seine 3. und 4. Sinfonie uraufführte,  maß ungefähr 100 Quadratmeter. Die Säle heute sind ungleich größer, Hörgewohnheiten und Musikkultur ganz anders. Wie Musik für das historische Publikum geklungen hat, lässt sich nicht simulieren, auch mit Originalinstrumenten nicht.

 

10. 2016/17 hatten Sie Ihr spätes Debüt bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth mit "Parsifal", wenig später wählte die Kritikerumfrage der Musikzeitschrift "Opernwelt" Sie zum "Dirigenten des Jahres". Eine engere Verbindung zu Bayreuth ist daraus nicht entstanden. Warum nicht?

Konkret kann ich die Frage nicht beantworten, sie müsste an Katharina Wagner gerichtet werden. Mit der ich diese zwei Jahre über gut zusammengearbeitet habe. Allgemein mag ein Grund darin liegen, dass die Breite auf dem Markt der Kapellmeister und auch die Diversität in der Branche zugenommen hat. Wahrscheinlich ist da kein Platz mehr für mich.

 

11. Es fällt auf, dass der Dirigent aus Dresden in Dresden kaum in Erscheinung tritt. In den 70er- und 80er-Jahren war Ihre Verbindung zu den großen Dresdner Orchestern, Philharmonie und Staatskapelle, durchaus eng. Was hat das auseinandergebracht?

Die letzte Zusammenarbeit mit der Staatskapelle war 1986 "Elektra" in der Semperoper. Vor einigen Jahren fragte mich die Sächsische Staatsoper für eine Produktion von Humperdincks  "Königskinder" an. Nach Einsicht in den Besetzungsplan des Orchesters nahm ich davon Abstand. Da war in Hauptprobe und Premiere die Orchesterbesetzung nicht identisch, ich hätte es also in der Premiere mit Musikern zu tun gehabt, die den Probenprozess oder einen Teil davon nicht mitgemacht hätten. So arbeite ich nicht. Es hat sich dann nicht wieder ergeben. Mit der Dresdner Philharmonie habe ich während meiner Zeit als Intendant der Dresdner Musikfestspiele 2003 bis 2008 öfter zusammengearbeitet.  

 

12. Wie ist es heute mit dem Kontakt zu den Dresdner Orchestern: Ist er gestört oder gar nicht mehr da?

Zur Staatskapelle ist er wohl eher gestört, da denkt aber heute keiner mehr drüber nach. Der Kontakt zur Philharmonie ist abgebrochen. 

 

13. Wie Theo Adam, Peter Schreier und Udo Zimmermann waren Sie Kruzianer, bevor Sie sich an der Dresdner Musikhochschule haben ausbilden lassen. Die Genannten haben das Dresdner Musikleben trotz internationaler Karrieren stark geprägt. Sie sind mit Ausnahme der Zeit als Intendant der Musikfestspiele stärker im europäischen Ausland verankert und dort bis heute berühmter als in Deutschland und selbst in Dresden. Schmerzt das nicht?

Der Unterschied zu den Genannten ist prägnant. Adam, Schreier und Zimmermann sind nicht ausgereist aus der DDR. Ich bin ausgereist, als ich 1986 das Engagement in Amsterdam annahm, und war infolgedessen in der DDR eine Art persona non grata. Nach der Wiedervereinigung hat sich vieles entkrampft. Fünf Jahre war ich, wie erwähnt, Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Seither werde ich alle fünf Jahre, wenn ein runder Geburtstag ansteht, von meinem Nachfolger Jan Vogler für ein Konzert eingeladen, auch dieses Jahr wieder. Ich war und bin also durchaus Teil des Dresdner Kulturlebens.

 

14. Sie leben seit Jahrzehnten in Oberloschwitz. Ihren Wohnsitz ins Ausland zu verlagern, zum Beispiel nach Amsterdam, kam nie in Frage? Immerhin besitzen Sie die niederländische Staatsbürgerschaft.

Ich habe zwischen 1986 und 2006 meinen ersten Wohnsitz in Amsterdam gehabt. Dresden war Zweitwohnsitz, dasHaus teilweise vermietet. Mittlerweile ist Dresden wieder Erstwohnsitz, doch bin ich häufig in Amsterdam. Die Niederlande sind mir zu einer zweiten Heimat geworden.

 

15. Der 80. Geburtstag markiert nicht das Ende Ihrer Karriere. Wie viele Auftritte meistern Sie im Jahr?

Früher waren es um die 110 Auftritte, das ist jetzt reduziert auf etwa die Hälfte.

 

16. Haben sich Ihre Repertoirevorlieben über die Zeit verändert?

Ich habe immer schon Schwerpunkte gesetzt, um einem Komponisten näher zu kommen. Da gab es eine Phase Strauss, eine Phase Mahler und weitere Phasen. Zurzeit beschäftige ich mich mit Bruckner, vorher war es Brahms.

 

17. Gibt es ein Werk, das Ihnen lieber ist als jedes andere?

Wenn es zum Schwur käme: im Konzertanten Bachs h-moll-Messe, in der Oper Mozarts "Don Giovanni“.

 

18. Marek Janowski ist mit 80 Jahren Chefdirigent der Dresdner Philharmonie geworden, Lorin Maazel mit mehr als 80 Jahren Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Wie wäre es in Ihrem Fall, hätten Sie noch einmal Interesse an einer Chefposition?

In einem Opernhaus sicher nicht. Nach meinem Verständnis scheint ein Chef nicht, wie heute vielfach üblich, nur für acht Wochen je Spielzeit mal auf. Ein Chef muss vor Ort sein, bei der Programmauswahl, den Probespielen und allen anderen wesentlichen Aufgaben Einfluss nehmen. Ein solches Engagement wäre mir inzwischen zu anstrengend, auf andere Weise interessierte es mich nicht. Noch einmal einem Orchester vorstehen, wenn alle Bedingungen erfüllt wären - warum nicht?  

 

18. Welche Ziele setzen Sie sich für die kommenden Jahre?

Jede Vorstellung so gut wie möglich zu musizieren, das ist und war immer das Ziel. Das braucht die richtigen Bedingungen, das richtige Repertoire, die richtigen Partner. Darauf, dass all das in der Balance ist, hat man nicht immer Einfluss. Das Gute für mich als freischaffender Dirigent ist: Ich kann immer nein sagen.

Guido Glaner