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Gedanken, Konzepte, Schwerpunkte und Themen zu den Dresdner Musikfestspielen ab 2003

von Prof. Hartmut Haenchen September 2004

Die Neuorientierung der Dresdner Musikfestspiele

Die Dresdner Musikfestspiele sind das bedeutendste und größte klassische Musikfestival in Deutschland. Ihre Gründung im Jahr 1978 verdanken die Musikfestspiele der kulturellen Öffnung, die in den 70er Jahren in der ehemaligen DDR begann. Seitdem fanden die Dresdner Musikfestspiele eine starke Resonanz innerhalb der internationalen Musikwelt. Heute nehmen sie international und bundesweit einen hohen Stellenwert ein. Gegenwärtig kommen rund 40 Prozent der Besucher von außerhalb Sachsens.

Eine besondere Qualität dieser Festspiele ist ihre traditionell und künstlerisch gewachsene Funktion als einzigartige kulturelle Drehscheibe Europas - vom Zeitalter des Barocks über die Aufklärung und Romantik zur Moderne, zuletzt auch im Zeichen der deutschen Wiedervereinigung. Dieses außergewöhnliche Erscheinungsbild der Stadt und ihrer Musikfestspiele gilt es durch unverwechselbare Programme und Themenschwerpunkte in jedem Jahr neu zu untermauern. Einzigartige Klangkörper, Ensembles und international renommierte Künstlerinnen und Künstler sowie rege Aktivitäten in Theatern, Konzerten, Kirchen, Chören und Vereinen kennzeichnen das vielseitige kulturelle Leben in dieser Stadt. Die Musikfestspiele sind dabei ein außergewöhnlicher Kristallisations- und Fixpunkt.

Jährlich werden zu den Musikfestspielen bis zu 175 Veranstaltungen durchgeführt, die beispielsweise im Jahr 2003 von 150.000 Hörern besucht wurden. Damit wurden die Dresdner Musikfestspiele zum größten klassischen Musikfestival Deutschlands. Am Programm beteiligen sich gleichermaßen Dresdner Musikinstitutionen und national wie international bedeutende Künstler und Ensembles, eine einzigartige Kombination, die ich in Zukunft durch gezielte Planung noch steigern will. Das Programm ist konzentriert auf die Genres Oper, Orchester-, Kammer- und Kirchenkonzerte. Die Dresdner Musikfestspiele sind eine Einrichtung der Stadt Dresden, die auch ca. 50% der Finanzierung der Festspiele übernimmt. Ca. 25% kommen zudem aus Geldern der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Sachsen und aus Sponsor-Beiträgen sowie 25% aus den Eintrittskarten-Einnahmen.


Beweggründe und persönliche Zielsetzungen

Ich habe die Leitung der Festspiele im Sommer 2002 übernommen. Die ersten von mir verantworteten und gestalteten Festspiele haben vom 29. Mai 2003- 15. Juni 2003 stattgefunden. Die nächsten Festspiele finden vom 20. 5. 2004 - 6. 6. 2004 statt; (Die weiteren Daten sind 12. 5. - 29. 5. 2005, 25. 5. 2006 -11. 6. 2006, 17. 5. 2007 - 3. 6. 2007, 8. 5. 2008 - 25. 5. 2008) Mit meiner neuen Aufgabe und Funktion kehre ich in meine Geburtsstadt zurück, in der ich Mitglied des Dresdner Kreuzchores gewesen bin, in er ich studierte und später Dirigent der Dresdner Philharmonie und des Philharmonischen Chores wurde sowie mehrere Jahre Gastdirigent der Sächsischen Staatsoper und der Sächsischen Staatskapelle war, wobei ich in dieser Funktion auch eine der Eröffnungspremieren der Semperoper leitete. Außerdem wirkte ich acht Jahre als Dirigierlehrer und Professor an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber.

Ich will dieser Stadt und ihren Menschen die Prägung, Ideenfülle und Vielseitigkeit, die sie mir einst geschenkt haben, durch meine neue Tätigkeit zurückgeben - und zwar als aktiver wie als planender Künstler, als Gastgeber und Moderator unterschiedlicher Ideen und Konzepte, vor allem aber als Initiator eines aufregenden und anregenden Dialoges zwischen "innen" und "außen" - zwischen dem, was diese Stadt an unverwechselbarem Charisma ausstrahlt und dem, was sie an neuen Impulsen und Gedanken in der Zukunft aufnehmen muß, um ihrem Charakter einer "europäischen Drehscheibe" gerecht zu werden. Bereichert mit langjährigen internationalen Erfahrungen sehe ich in meiner Funktion des Intendanten die großartige Möglichkeit, die Tradition dieser Stadt und ihrer Festspiele mit neuen Ideen und Initiativen zu bereichern. Dazu gehört für mich vor allem die Herausforderung, die langjährigen Freunde und Gönner dieser Festspiele ebenso zu begeistern wie neue Anhänger für diese einzigartige Synthese von Zeit, Raum und Idee zu gewinnen. Ich will besonders junge Menschen an die Dresdner Festspielgedanken heranführen, mit einem Angebot, das deutlich macht, wie eng verflochten die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gattungen und Stilen sein können, gleichgültig, ob in der Musik, der bildenden und darstellenden Kunst oder in der Literatur. Ich glaube, daß Grenzüberschreitungen, neue Kommunikationsformen und die Vernetzung unterschiedlicher Inhalte, Formen und Strukturen zu den unverzichtbaren Bestandteilen eines kreativen Festspielangebotes gehören müssen, auch um unmißverständlich deutlich zu machen, worin sich Festspiele von anderen Kulturangeboten klar unterscheiden.

Zweck, Sinn und Ziel des faszinierenden Ereignisses "Musikfestspiele" erschöpfen sich für mich nicht in der Einladung zu einem außergewöhnlichen Fest, sondern gipfeln in der Aufforderung an die Dresdner und ihre Gäste, im Rahmen der Musikfestspiele Bekanntes und Neues, Vertrautes und Ungewohntes, Nahes und Fernes aus neuen Blickwinkeln und unter ungewöhnlichen Gesichtspunkten zu entdecken. Musik war und ist für mich stets eine universelle Sprache, die starre Grenzen von Zeit und Raum aufzuheben vermag. Daher ist für mich der Gedanke wesentlich, daß Dresden während der Festspielzeit für seine und mit seinen Gästen „singt und musiziert“. Strömungen, die in die Stadt fließen, sollen auf vorhandene Gegebenheiten stoßen, damit beides zu Veränderungen und neuen Perspektiven führt. Diese Wechselwirkung zwischen „innen“ und „außen“ wird für mich in den nächsten Jahren Dreh- und Angelpunkt des Dresdner Festspielgedankens sein.



Unverwechselbare Programmatik, Dramaturgie und Ästhetik
THEMEN & REIHEN - REIHEN & THEMEN
Ein Netzwerk aus Ideen, Aspekten und Veranstaltungsreihen


Um einen breit gefächerten Dialog zu entfachen und um die Wechselwirkung zwischen „innen“ und „außen“, zwischen Menschen, die in Dresden leben, und Menschen, die nach Dresden kommen, intensiv anzuregen, werde ich bei den Musikfestspielen in jedem Jahr eine Anzahl von Themen und Reihen anbieten, die Kontinuität ebenso gewährleisten wie Neues garantieren. Neben einem zentralen Hauptthema, das jeweils im Zentrum eines Jahresprogramms stehen wird und sich in einem großen Teil der Musikfestspiel - Veranstaltungen wiederfindet, werden über Jahre hinweg mehrere Veranstaltungsreihen das Grundgerüst und das unverwechselbare Erscheinungsbild der Dresdner Musikfestspiele bilden. Thema und Reihe stellen in diesem Zusammenhang - wie in einem musikalischen Organismus - das unverzichtbare Fadenkreuz des Dresdner Festspielgedankens dar. Es handelt sich um Reihen und Themen, wie sie in dieser Form nur in Dresden und bei den Dresdner Musikfestspielen zu erleben sein werden.

Das zentrale Thema im Festspieljahr 2003 lautete Wagner & Wolf, eine Spurensuche im Leben und Werk von zwei bedeutenden deutschen Komponisten, die Verwandtes wie Unterschiedliches offenbaren – besonders, was das Verhältnis dieser beiden Künstler zu und ihre Wirkung auf Dresden und seine Kultur angeht. Ein Vorkonzert wird in jedem Jahr Festspielbesucher auf besondere Akzente des Programms neugierig machen, am 1. September 2002 war es beispielsweise die „Achte Sinfonie“ von Gustav Mahler in Verbindung zum „Faust“-Stoff und zum Werk Richard Wagners. Das Sonderkonzert für 2004 wurde von Juliette Greco gestaltet. Das Thema 2004 lautet „Sagenhaftes“, danach folgen 2005: Lust am Fremden und 2006 Glauben zum Wiederaufbau der Frauenkirche, zu dem wird da des 800-jährigen Jubiläums der Stadt gedacht, die auf eine slawische Siedlung zurückgeht, bevor sie christianisiert wurde. 2007 heißt das Thema Landschaften.

Im Mittelpunkt einer weiteren regelmäßigen zentralen Veranstaltungsreihe werden Dresden & Europa und dabei europäische Hauptstädte stehen. Im Jahr 2003 war dies Amsterdam, 2004 wird es Paris, 2005 Lissabon, 2006 Rom und 2007 Helsinki sein. Dresden soll für reichliche zwei Wochen zur Drehscheibe europäischer Begegnungen und zum Forum eines anregenden Dialoges zwischen Partnern werden. Das Thema „Glauben“ 2006 soll Anlaß für ein europäisches Knabenchortreffen innerhalb der Musikfestspiele sein.

Unter dem Titel Carte Blanche wird in jedem Festspieljahr zwei renommierten Künstlern – jeweils einem aus Dresden stammenden und einem nach Dresden kommenden Künstler – die
Möglichkeit geboten, als Botschafter der Musikfestspiele eigene Programmschwerpunkte zu setzen. Im Jahr 2003 werden Gidon Kremer und Peter Schreier diese Künstler mit einer besonderen Visitenkarte sein. Im Jahr 2004 werden es Murray Marahia und Kurt Masur, 2005 das Kronos-Quartett und Peter Rösel, 2006 Frank-Peter Zimmermann und Roderich Kreile sein.


Drei weitere regelmäßige Reihen rücken die Stadt Dresden selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung, einmal aus geographischer, das andere Mal aus historischer Sicht und zuletzt vor allem aus künstlerischer Perspektive. In der Reihe Dresden singt & musiziert, die die Basis in einer langjährigen erfolgreichen Tradition hat, präsentieren vornehmlich Dresdner aus unterschiedlichen Blickwinkeln ihre Stadt, deren unvergleichliche Plätze und die damit verbundenen vielfältigen künstlerischen Aktivitäten. Die Reihe ist als Erkundungsreise durch die Stadt angelegt, eine Landkarte, die zur künstlerischen Visitenkarte der Dresdner werden soll. In jedem Jahr wird es als Prolog eine Ouvertüre im Grünen geben, danach ein Mitsingoratorium, einen Kunst - Markt im Großen Garten, einen Kindertag, den Meißner Musik Marathon, einen klingenden Stadtteil und ein großes Nachtkonzert mit dem Titel „Dresden singt und musiziert“. Erneut wird dabei ein großer Teil in Dresden lebender Menschen aktiv mitwirken und zusammen mit den Festspielkünstlern musizieren.

Nicht allein die für die künstlerische Entwicklung Dresdens so wichtige höfische oder barocke Musik bildet den Grundstock einer alljährlichen Veranstaltungsreihe mit dem Thema Musik & Geschichte. Die in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek liegenden Schätze – in vielen Fällen bislang nahezu unbekannte Partituren – stellen die faszinierende Grundlage einer Bestandsaufnahme mit Werken aus vier Jahrhunderten dar. Im Jahr 2003 wurde in dieser Reihe Musik von Hasse, Vivaldi, Heinichen, Wagner, E.T.A. Hoffmann aufgeführt, eine Dresdner Musikgeschichte ganz eigener Art und Prägung.

Die Reihe Musik & andere Künste schließlich – ein Treffen unterschiedlicher Musen – wird das Augenmerk der Besucher verstärkt auf Verwandtschaften und Spiegelbilder zu Werken in Literatur, Architektur, Bildende und Darstellende Kunst sowie Film und Tanz lenken. Damit soll dokumentiert werden, daß Musikfestspiele nie in einem Elfenbeinturm stattfinden, sondern ein außerordentliches künstlerisches und gesellschaftspolitisches Ereignis darstellen, das ohne den Bezug zu anderen Gattungen und Kunstformen undenkbar wäre.
Dabei dürfen Festspiele dieser Größenordnung niemals nur historisch orientiert sein und so nimmt die Reihe Musik des 20.&21.Jahrunderts einen besonders breiten Raum in der Vernetzung der Gesamtkonzeption ein.

Als besonderes Angebot an interessierte Besucher in und außerhalb Dresdens wird bereits jeweils am Ende der Musikfestspiele das Programm für die Musikfestspiele des Folgejahres präsentiert, um jedem Kunden eine rechtzeitige Bestellung und Buchung seines Konzerte oder seiner Konzerte zu ermöglichen.

Die von mir engagiert vertretene Vernetzung von Themen und Reihen ist Ausdruck meines festen Willens, der Gefahr entgegen zu steuern, daß im Reigen europäischer Festivals die Programme immer austauschbarer zu werden drohen. Sie richten sich heute zumeist ausschließlich nach Kriterien des Marktes und in ihrem Kern allzu oft leider nicht mehr nach inhaltlichen Perspektiven. Dabei müssen meiner Ansicht nach inhaltliche Schwerpunkte – „Themen und Reihen“ – nicht im Gegensatz zum festlichen Charakter eines einzigartigen kulturellen Zusammentreffens (ich vermeide lieber das Wort "event") stehen, ganz im Gegenteil. Die eine Konstante – für mich eine Vertikale: die außergewöhnliche Idee jeder Festspiele - ist ohne die andere Konstante undenkbar, nämlich ohne eine Horizontale, ohne feste „Themen und Reihen“, ohne Zyklen und wiedererkennbare Programme, die es einem Publikum erlauben, auf Jahre hinaus immer wieder Einzigartiges in Bezug zu anderen Erfahrungen zu setzen. Ich vermeide lieber große Worte und will mich auch bewußt vor dem zumeist oberflächlichen Pathos in Sachen „Festspiele, abendländische Kultur und unvergleichliche Architektur“ hüten. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß herausragende künstlerische und damit gesellschaftspolitische Ereignisse wie die Dresdner Musikfestspiele nicht nur erfolgreich, sondern auch folgenreich sein werden, wenn es mir in Zusammenarbeit mit einem engagierten Team und renommierten Künstlern gelingt, den Dresdnern und ihren Gästen zu zeigen, daß die Aufführungen und Veranstaltungen zugleich ein Spiegelbild von Lebenswirklichkeiten jener Menschen sind, die in Dresden am Brennpunkt europäischer Geschichte zusammen kommen.

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