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Lust am Fremden und Rechtsradikale?

Kommentar von Prof. H. Haenchen in den Dresdner Neuesten Nachrichten

»Lust am Fremden« beginnt beim Bekannten

»Lust am Fremden« ist das Thema der Dresdner Musikfestspiele 2005. Kein Zufall in einer Stadt, deren Reichtum nicht nur kulturell auf vielerlei fremden Einflüssen beruht. Slawisch geprägt, fußt Dresdens Ruf auf Spuren aus aller Welt, die hier Früchte trugen.
Kulturstadt ist das eine, ähnlich wichtig ist der Bildungs- und Wirtschaftsstandort. Welche Reputation Dresden genießt, verdeutlichen Ansiedlungen internationaler High-Tech-Industrie. Selbst die Lage im Dreiländereck sollte Chance für aufgeschlossenes Miteinander sein.
Nach den Landtagswahlen scheint alles anders. Kommentatoren berichten von Braunen im Parlament, schon werden Reisen in die Sächsische Schweiz storniert, sind wirtschaftliche Konsequenzen zu fürchten, weil es internationale Touristen ebenso wenig wie Investoren in den Hort extremistischer Proteste zieht. Auch wenn dies übertrieben scheint, sollte nicht wieder nur Schadensbegrenzung geübt, sondern mutig auch Ursachenforschung betrieben werden.
Das „Tal der Ahnungslosen“ gilt als Ausrede nicht mehr. Sachsen ist in globaler Jetztzeit angekommen. Die bedeutet leider auch Bildungsmisere, Kulturabbau, Verlust von sinnvollen Freizeitalternativen ausgerechnet in einem Gebiet, wo für viele – nicht nur arbeitslose Ältere, sondern Jugendliche ohne Ausbildungsplatz – immer mehr ungewollte Frei-Zeit entsteht. Wer ohne Perspektive ist, handelt oft gedankenlos. Hier wird deutlich, wie sehr Kultur als Gesamtheit Grundnahrungsmittel ist.
Wer den Verlust von Aufklärung hinnimmt, muss mit dunkler Zukunft rechnen. Da ist nicht in Legislaturperioden zu denken, sondern über Parteigrenzen hinweg in Dimensionen mindestens europäischer Relevanz. Das Ungeliebte ausgrenzen, wie es etablierte Politik und Medien jetzt versuchen, ist nicht der rechte Weg, mit den Rechten umzugehen. Auch wenn das Argument „gewählt ist gewählt“ einigermaßen schwer nachvollziehbar ist angesichts der Quote von Nichtwählern. Die Demokratie, in der wir leben, ist gewiss nicht perfekt. Es ist die beste, die wir haben – aber verletzbar auch dadurch, dass sie nicht in Anspruch genommen wird. Wer nicht wählt, verschenkt ein Stück Mitsprache und reduziert sich auf Passivität. Aufklären kann helfen wie der Blick über den Tellerrand.
Nicht zufällig hat die Reihe »Dresden & Europa« jedes Jahr eine europäische Kulturmetropole zu Gast. 2005 wird es Lissabon sein, jene Weltstadt, von der aus beispielhafte Entdeckungsreisen starteten. Mit unserem Thema wollen wir »Lust am Fremden« wecken, für Austausch, Offenheit und Miteinander werben. Ich habe erlebt, wie es ist, als Deutscher unwillkommen zu sein. Doch die Niederländer, denen ich in der Weltsprache der Musik auch viel geben konnte, sind von jeher aufgeschlossen; längst fühle ich mich dort angenommen. Wenn ich nun wieder verstärkt in meiner Heimat wirke, hoffe ich auch hier auf den Geist der Toleranz gegenüber Fremden.
Eine, die ihre Stimme heute abend ganz in diesem Sinne erhebt, ist die Fado-Königin Mísia – als singende Botschafterin Portugals ist sie längst Weltbürgerin und kommt als solche erstmals nach Dresden. Ich bin mir mit der Mehrheit dieses Landes einig, wenn ich meine, dass Sachsen auch in Zukunft »Lust am Fremden« beweisen wird.

Prof. Hartmut Haenchen
Intendant der Dresdner Musikfestspiele

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