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21. Mai 2026 · Website Mecklenburgische Staatstheater und SM

Nach 47 Jahren zurück nach Schwerin

Interview mit Claudia Kottisch

Sie kehren nach vielen Jahren wieder zur Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin zurück. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Zeit als Chefdirigent von 1976 bis 1979?


Meine Erinnerungen an diese – letztlich zu kurze – Zeit sind vielfältig. Abgesehen von den Widerständen einiger weniger Orchestermitglieder, die mit der Stasi kooperierten, war ich mit der Mecklenburgischen Staatskapelle sehr glücklich. Vieles ist mir damals gelungen: Ich konnte ein Festival gründen, eine Singakademie aufbauen, das Orchester wesentlich vergrößern und erste Schallplattenaufnahmen realisieren.


Nicht gelungen ist es mir hingegen, eine Wohnung zu finden. Als ich schließlich eine Unterkunft in einem ehemaligen Munitionsdepot bezog, brannte diese kurz darauf ab. Auch dass ich von der staatlichen Künstleragentur auf eine Tournee mit der Staatskapelle Berlin geschickt wurde, während ich mitten in den Vorbereitungen zum „Tannhäuser“ steckte, hat mich damals sehr belastet.


Zutiefst dankbar bin ich für viele besondere musikalische Höhepunkte. Dazu zählen die DDR-Erstaufführungen von Werken Charles Ives’ oder Skrjabins „Prométhée“, für das wir eigens ein Farbenklavier bauten. Auch die Vergabe von Auftragswerken, wie etwa für die „Sonate für J.S.B.“ (1977) von Friedrich Schenker, bildete einen Kernpunkt meiner Arbeit. Zudem schätze ich mich glücklich, dass ich in der Bibliothek Werke von Johann Wilhelm Hertel abschreiben und zur Aufführung bringen durfte.


Das monumentale Werk von August Bungert, das ebenfalls in der Landesbibliothek verwahrt wird, in vier Opernabenden aufzuführen, war mir leider nicht vergönnt. Auch der Plan, als erstes DDR-Opernhaus Wagners „Parsifal“ in einer szenischen Neuproduktion auf die Bühne zu bringen, wurde von der Parteileitung kurzfristig verboten – es blieb lediglich eine konzertante Aufführung.


Nachdem mir schließlich das Dirigat von Friedrich Goldmanns „Hot“ zum 30. Jahrestag der DDR untersagt wurde und die Parteileitung mich zwingen wollte, unter Weglassung des avantgardistischen ersten Teils nur den Schlusschor aus Schostakowitschs 2. Sinfonie zu dirigieren, musste ich einen Schlussstrich ziehen. Die Arbeitsbedingungen ließen eine künstlerisch freie Entfaltung leider nicht mehr zu. Die Arbeit mit dem wunderbaren Ensemble und der Mecklenburgischen Staatskapelle habe ich in bester Erinnerung und ich freue mich sehr, nach 47 Jahren wieder vor diesem Orchester stehen zu dürfen. Kreise müssen sich auch schließen dürfen.



Sind Sie gespannt auf die Mecklenburgische Staatskapelle 2026?


Natürlich. Es wird vermutlich kein Wiedersehen mit alten Kollegen geben, aber wie es bei hervorragenden Orchestern üblich ist: Spielweisen und gute Traditionen vererben sich über Generationen. Daher hoffe ich sehr, dass ich mich sofort wieder „zu Hause“ fühlen werde.



Im Zentrum des Festkonzertes steht die Große Sinfonie in C-Dur von Franz Schubert. Warum gilt die Sinfonie als monumentales Werk und was macht sie für einen Dirigenten besonders herausfordernd?


Schubert schuf mit der C-Dur-Sinfonie eine völlig neue Dimension des rein orchestralen Schaffens. Er ging seiner Zeit weit voraus; erst Anton Bruckner trat später in diese monumentalen Fußstapfen. Die größte dirigentische Herausforderung liegt darin, die Architektur und den Spannungsbogen dieser gewaltigen Dimensionen tragfähig aufzubauen.



Friedrich von Flotow war in Schwerin nicht nur Komponist, sondern Hoftheaterintendant. Er komponierte die Oper „Johann Albrecht, Herzog von Mecklenburg“ zur Einweihung des neuen Schweriner Schlosses im Jahr 1857. Wie fühlt es sich an, eine Musik zu dirigieren, die ursprünglich zur Einweihung des heutigen Welterbes komponiert wurde?


Das ist für mich eine Premiere und dem feierlichen Anlass dieses Konzertes natürlich mehr als angemessen. Ich bin dem Geiger der Mecklenburgischen Staatskapelle, Stefan Fischer, zutiefst dankbar, dass er sich so intensiv mit der musikalischen Geschichte des Orchesters auseinandersetzt und die Partitur sowie das Orchestermaterial neu erstellt hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unendlich viel Arbeit das bedeutet. Das „Mecklenburg-Lied“, welches die Ouvertüre als Hauptthema eröffnet, ist ja sozusagen die Nationalhymne Mecklenburgs.



Interessant innerhalb des Konzertkontextes ist: dass von Flotow Schuberts Große C-Dur-Sinfonie, die zu damaliger Zeit als zu modern und anspruchsvoll galt und keineswegs zum Standardrepertoire gehörte, nach Schwerin brachte. Zu anspruchsvoll – ist sie das aus heutiger Sicht immer noch?


Das Schicksal, als Komponist für „zu modern“ oder „zu schwierig“ befunden zu werden, teilen viele Tonschöpfer bis heute. Aber genau darin liegt das Spannende: Kunst entwickelt sich stetig weiter. Die Sinfonie ist tatsächlich bis heute für jedes Orchester eine enorme spieltechnische Herausforderung. Die andere große Aufgabe bleibt es, diese gewaltigen Dimensionen interpretatorisch mit innerem Leben zu füllen.



Auch Johann Wilhelm Hertel ist eng mit Schwerin verbunden: 1754 kam er an den mecklenburgischen Hof und arbeitete als Hofkomponist und Kapellmeister der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin. Hier schrieb er einen großen Teil seiner Sinfonien, Konzerte und Kirchenmusik. Auf dem Programm steht seine Sinfonia D-Dur. Was macht dieses Werk für Sie interessant – gerade im Vergleich zum etablierten sinfonischen Repertoire?


In meiner Schweriner Zeit hatte ich mir diese Sinfonie bereits selbst erschlossen und das Orchestermaterial handschriftlich anfertigen lassen. Ich durfte sie damals auch in einem Konzert im historischen Thronsaal mit der Staatskapelle aufführen – später dann mit dem Kammerorchester „Carl Philipp Emanuel Bach“, das ich 34 Jahre lang geleitet habe. Für mich ist es nun ungemein spannend, auf Anregung von Stefan Fischer diesmal die Variante zu dirigieren, die Hertel für den Fürsten Johann Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt schrieb. Vermutlich kommt diese großzügiger besetzte Fassung den ursprünglichen Klangideen Hertels noch wesentlich näher.



Am Ende noch eine persönliche Frage: Sie haben weltweit dirigiert. Wird man mit den Jahren freier oder demütiger gegenüber der Musik?


Beides. Dirigieren ist ein Erfahrungsberuf, und das Wachstum an Erfahrung macht einen unweigerlich demütiger. Gleichzeitig wird man im Alter freier, weil man gelernt hat, dass Komponisten im starren Notenbild niemals alles erfassen und notieren konnten.

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