Kammerorchester

Der Tagesspiegel, 20. März 1996
Aufgekratzt

Hartmut Haenchen mit seinem Kammerorchester im Schauspielhaus

Unter der überaus animierenden Leitung von Hartmut Haenchen wurden wir mit einem nicht uninteressanten, doch etwas disparaten Werk bekannt gemacht. Da begegnen bisweilen hohe Empfindsamkeit und Eleganz, auch bisweilen mancher eigenwillige, aufgestachelte Zug.

Auch in diesem Haenchen-Konzert gab es eine der genialen "frühen" Haydn-Sinfonien. Diesmal wurde von dem Amsterdamer Chefdirigenten die d-moll-Sinfonie "Lamentatione" zum einen in schwebender Leichtigkeit, zum andern in puncto Tempi und klangsprachlicher Pointierung mit äußerster Spannung musiziert.

Bei Schuberts 5. Sinfonie überraschte ein rundum entschlackter, kammermusikalischer aufgehellter Musizierstil, gefiel mach neue poetische Nuance, ein unaufdringlicher Klangzauberei. Auch bei diesem Werk verkam nichts zur Beiläufigkeit, wurden die Sätze obendrein gedanklich dicht verzahnt, beeindruckten auch dabei die geistreiche Spiellust ebenso wie der blitzsaubere Klangstil. Auch da kam viel Freude auf.

Eckart Schwinger
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. September 1992
Rundum ausgeglichene Leistungen halten schließlich zwei Neuveröffentlichungen von "Sturm-und-Drang"-Sinfonien mit dem "Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haenchen fest: (...) Spielerisch und stilistisch unanfechtbar sauber und insofern "klassische" Haydn-Interpretationen der modernen Art.
Luister, 01. August 1992
Viel Konkurrenz hat Haenchen mit seinem prächtigen Berliner Kammerorchester auf diesem Gebiet nicht zu fürchten, sicher nicht, wenn man von Aufnahmen mit authentischem Instrumentarium wie bei Hogwood oder Brüggen, absieht. Die aus verschiedenen Berliner Orchestern stammenden Musiker haben nicht nur eine beneidenswerte Kultur des Zusammenspiels aufgebaut, unter Leitung ihres Chefs haben sie auch ein ganz eigenes Klangbild entwickelt, wobei moderne Instrumente sehr effektiv und überzeugend für eine so "authentisch" wie mögliche Annäherung an die Musik eingesetzt werden. Haenchen ist kein Mann von halben Maßnahmen. Gründliche Quellenuntersuchungen sind für ihn ebenso selbstverständlich, wie die detaillierte Anwendung der erworbenen Kenntnisse für ein auf den Millimeter genau schlüssiges Ensemblespiel. Bei diesem Orchester vergißt man einfach, daß es sich eigentlich im Prinzip um ein ad-hoc-Formation handelt. Dazu kommt, daß die Musiker, neben ihrer gründlichen Vorbereitung und ihrem fachlichen Können eine enorme Spielfreude ausstrahlen. Auch Haenchen ist bestimmt kein "Kammergelehrter", der nur weiß, wie es sein sollte, nein, er läßt ohne Umschweife hören, wie es sein muß. Das sind einfach glänzende Ausführungen, mit einer großen Zahl prächtiger Details (die Hinzufügung der Cembalostimme in den früheren Sinfonien zum Beispiel: entzückendes Funkeln, welches in den richtigen Momenten etwas beleuchtet) und ein animierender Drive von A bis Z. Mit Spannungerwarten wir die Fortsetzung.

Roel van der Leeuw
FONOFORUM, 01. Juli 1992
Im besten Sinne klassisch.

Frisch, hell und leicht im Klang, gestisch ebenso differenziert wie dezidiert stellt Haenchen diese sechs Haydn-Sinfonien dar. Es handelt sich um Werke der Zeit des Reifens bzw. der sogenannten Sturm-und-Drang-Zeit. Haydn auf dem Weg zu sich selbst und die Sinfonie ebenfalls auf dem Weg zu sich selbst, zur vollgültigen Form: Erstmals bietet sie hier Raum für musikalische Konflikte, für den Ausdruck subjektiven Fühlens und Denkens. Haenchen arbeitet solche Konturen klar und im Detail jederzeit präsent heraus, stellt das Disperate gegeneinander- wobei er den klassischen Rahmen, den Ausdrucksradius der Haydn-Zeit sorgfältig wahrt. Das gilt auch für das Instrumentarium: Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach musiziert zwar auf modernen Instrumenten, aber in jener Besetzung, die von Haydn selbst überliefert worden ist (unter Verwendung eines Continuo-Cembalos). Damit will man einerseits den heutigen Hörgewohnheiten Rechnung tragen, andererseits jenen Eindruck zu rekonstruieren versuchen, den diese Sinfonien einst bei ihrer Uraufführung in Esterháza gemacht haben. Das vorliegende Ergebnis, gleichsam Quadratur des Kreises, überzeugt nicht zuletzt durch seine Selbstverständlichkeit: Keinerlei expressiv-subjektive Aufgesetztheiten, die den natürlichen Fluß der Musik trübten; keine extravaganten Überraschungseffekte, welche die Aufmerksamkeit nur auf den Moment zögen und vom Formganzen ablenkten. Eine ausgewogene, rundum kompetent realisierte, im besten Sinne klassische Haydn-Darstellung- was nicht zu verwechseln ist mit einer gemäßigt-geglätteten.

Werner Pfister