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08. January 2020 · Dresdner Morgenpost

Zum Tode von Peter Schreier

Hartmut Haenchen spricht mit Guido Glaner

  1. MOPO: Herr Haenchen, Peter Schreier war einer der großen Tenöre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, heißt es immer wieder. Was macht einen großen Tenor aus?

Hartmut Haenchen:  Zunächst einmal eine besondere Stimme. Das versteht sich von selbst. Außerdem Ausdrucks- und Gestaltungskraft und, was nach meiner Erfahrung wirklich nicht jeder Sänger hat: eine hohe Musikalität. 

  1. Was machte den Tenor Peter Schreier aus?

Seine unglaubliche musikalische Sensibilität. Bei ihm stimmte jeder Ton, jedes Wort, jede Farbe. Es kommt hinzu, dass er immer komplett im jeweiligen Werk zu Hause war. Er entwickelte seine musikalische Auffassung aus dem Gesamtverständnis einer Oper, eines Oratoriums oder einer Messe heraus. Viele Sänger studieren nur die eigenen Partie, wobei der größere Zusammenhang eines Werks oft unterbelichtet bleibt. Schreier hat immer das große Ganze im Blick gehabt, das war seine besondere Herangehensweise. Seine Gestaltungskraft war einzigartig. Das gilt unbedingt auch für den Liedgesang. Seine Kunst ist in vielen Facetten unerreicht, meine ich. Vielleicht bleibt sie es.  

  1. Wie gut waren Sie mit Peter Schreier bekannt, privat wie beruflich?

Wir wohnten in Oberloschwitz nah beieinander. Fünf Minuten, mehr nicht, brauchte ich zu Fuß, wenn ich ihn besuchen wollte. Wir haben uns immer wieder gesehen, getroffen und miteinander gesprochen. Meine Frau hat im Weihnachtsoratorium oft die „Hirtenarie“ als Soloflötistin musiziert. Dennoch würde ich sagen, dass wir eher gut bekannt waren als eng befreundet. Miteinander musiziert haben wir häufig.

  1. Wo haben sich Ihre Wege erstmals gekreuzt?

Wir waren beide Kruzianer. Dort, im Kreuzchor, habe ich ihn, während ich noch in der Vorbereitung war, als Altsolist kennengelernt. Natürlich schaute ich zu ihm auf.

  1. Schreier war einige Jahre älter als Sie. Wir haben wir uns das Verhältnis zwischen Ihnen vorzustellen?

Ich kam 1953 als zehnjähriger Knabenalt in den Chor. Er war acht Jahre zuvor, 1945, im selben Alter eingetreten. Er muss also 18 Jahre alt gewesen sein, als ich kam. Peter war Tenorsolist, Chorpräfekt und ein großes Vorbild für mich. In Vertretung von Rudolf  Mauersberger dirigierte er den Chor auch.

  1. Erinnern Sie sich an die erste Zusammenarbeit?

Oh ja. Einmal hatte ich in Mauersbergers Lukas-Passion das Altsolo zu singen. V Er spürte, wie nervös ich war, sprach mit mir, nahm mir die Angst und mehr noch: Er gab mir das Gefühl, dass ich das kann. Später sang ich mit ihm gemeinsam in der Annenkirche, im Rahmen der Schütz-Tage. Aufzuführen war der „Gesang der drei Männer im feurigen Ofen“ für Alt, Tenor und Bass. Die Besetzung war Hartmut Haenchen, Peter Schreier und Theo Adam. Da stand ich nun und musizierte zusammen mit diesen zwei damals schon prägenden Sängern. Das ist bis heute eine meiner liebsten Erinnerungen.

  1. Gibt es weitere Erlebnisse, an die Sie sich erinnern?

Einmal geschah so etwas wie eine kleine Tragödie. Peter sollte die Tenor-Partier in der Matthäus-Passion singen, doch war er an diesem Tag völlig indisponiert. Er hatte dieselbe Partie kurz zuvor an anderen Orten gesungen, vielleicht war das zu viel. Für einen jungen Sänger ist diese Partie so schwierig wie eine Wagner-Oper. Meiner Erinnerung nach kam es zum Bruch mit Mauersberger, der böse auf ihn war. Nicht viel später haben sie sich wieder vertragen, da war der Vorfall vergeben und vergessen und sie haben wieder gemeinsam musiziert. Sie waren beide starke Charaktere. 

  1. Schreier hatte dirigieren studiert. War er ein guter Dirigent?

Er war ein sehr guter Dirigent, der genau wusste, was er sich zutrauen konnte. Chorsinfonik und Kammerorcherstermusik waren seine Spezialität. Wie Sie vielleicht wissen, verließ ich die DDR 1986. V Lange Zeit war nicht klar, ob man mir die Wiedereinreise erlauben würde. Wäre die Rückkehr von den Behörden verhindert worden, hätte Peter Schreier die Leitung meines Berliner Kammerorchesters übernommen. So hatten wir es verabredet. Er hat das Orchester oft geleitet, war eine Art inoffizieller Erster Gastdirigent. Das war schon etwas, denn die Musiker waren anspruchsvoll. Andere Dirigenten haben sie auch schon mal nach Hause geschickt. Peter durfte immer wiederkommen.

  1. Beim Kreuzchor hat Schreier Haenchen dirigiert, später dirigierte Haenchen Schreier. Wie war das?

Das war vor allem  in meiner Zeit an der Berliner Staatsoper. Wir haben viel miteinander musiziert, vor allem Mozart. Er war mein „Tamino“ in der Zauberflöte, mein Belmonte in „Die Entführung aus dem Serail“. Niemand sang diese Partien schöner als er. Die Zusammenarbeit war eine große Freude, besonders weil er immer offen war, eine Partie auch mal anders anzulegen als gewohnt. Viele Sänger sagen, „ich singe das immer so und dabei bleibt es“. Schreier war anders, experimentierfreudig, dabei völlig uneitel und souverän. Man musste ihn allerdings mit guten Argumenten überzeugen.  

  1. Wie viele Alben haben Sie gemeinsam eingespielt?

Da gibt es tatsächlich nur eines, entstanden 1988. Carl Philipp Emanuel Bachs „Magnificat“, eine Liveaufnahme mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach. V Peter war nicht zufrieden mit der Live-Aufnahme und sagte, „Das geht so nicht raus“.Er war immer äußerst selbstkritisch. Wir haben seine Arie nach dem Konzert noch einmal Mal aufgenommen.

  1. Wann war Ihre letzte Zusammenarbeit?

Das war 2005, in meiner Intendanz bei den Dresdner Musikfestspielen. Peter sang im Schauspielhaus Schuberts „Winterreise“. Es war, glaube ich, sein letztes Liedprogramm in Dresden. Ein ungeheuer berührender Abend.

  1. Was sind Ihre Lieblingsaufnahmen von Peter Schreier?

Bachs Passionen. Oder besser noch,  ganz pauschal: alle seine Bach-Aufnahmen. Auch die Liederzyklen, wie Schuberts „Winterreise“. Das ist phantastisch. Da steht er für mich über allen anderen.  

  1. Peter Schreier und Theo Adam waren die bedeutendsten Sänger der DDR. Ihr Ruhm war Weltruhm. Der Staat nutzte sie bekanntermaßen als Aushängeschilder. Was bedeuteten sie den Bürgern?

Das lässt sich ganz einfach mit dem Sprachgebrauch in vielen Familien, auch in meiner, beantworten. Wir sprachen immer von „unserem Peter“ wie von „unserem Theo“. Wir waren stolz auf sie und sind es noch.