Hartmut Haenchen

„Politische“ Biografie

In Stichworten

  • 1959 beginnt meine Stasi-Akte, wegen Flugblättern gegen die „Wahlen“ in der DDR. 920 Seiten sind bisher gefunden worden, ein noch größerer Teil ist laut der Stasi-Behörde noch zu erwarten oder vernichtet worden.
  • 1960 darf ich aus politischen Gründen kein Vollstudium aufnehmen und werde in ein Vorstudienjahr „mit Produktion“ im Schreibmaschinenwerk Dresden aufgenommen.
  • 1961 werde ich von der Hochschule für Musik verwiesen, weil ich Studenten aufgefordert habe, in einer Kirche zu musizieren.
  • 1963 werde ich wiederum für sechs Monate von der Hochschule für Musik verwiesen, weil ich mit Studenten Werke von Arnold Schönberg aufgeführt habe. Ich werde an das „Bezirkskabinett für Kulturarbeit Karl-Marx-Stadt“ zwangsverpflichtet mit der Chance, nach Bewährung weiter studieren zu können.
  • 1966 werde ich nach meinem Debüt in Halle von der Händelgesellschaft der DDR gerügt (Prof. Werner Rackwitz, Prof. Walter Siegmund-Schultze), da ich für Händels Messias nicht die offizielle DDR-Übersetzung benutzt habe, die versucht, christliche Bezüge weitgehend zu tilgen.
  • 1967 werde ich nach der Aufführung von Händels Dettinger TeDeum von der Teilnahme an den Händelfestspielen ausgeschlossen, da ich nicht der von Werner Rackwitz und anderen festgelegten „schlichten“ Interpretation folgte, die „die Arbeiterklasse verstehen kann“, sondern bürgerliche Elemente (was man heute als „historische Aufführungspraxis“ bezeichnet) hineingebracht habe.
  • 1968 erhalte ich ein Disziplinarverfahren von der Bezirksleitung der SED, veranlasst von meinem Chefdirigenten Olaf Koch, da ich angeblich die „Riten der Kirche“ in den Konzertsaal übertragen haben soll. Es war mir gelungen, das Publikum nach Brahms Ein deutsches Requiem zu absoluter Stille zu bewegen und den Abend ohne Applaus stattfinden zu lassen. Unter Androhung der fristlosen Kündigung im Wiederholungsfalle wird das Verfahren abgeschlossen.
  • 1969 wird ein Verfahren wegen Beihilfe zur Flucht in die Bundesrepublik eingeleitet. Die Beweise beruhen auf gefälschten Karteieintragungen. Das Verfahren wird eingestellt, nachdem ich die Fälschung mit Hilfe eines Rechtsanwaltes und des Kriminaltechnischen Instituts nachweisen konnte.
  • 1970 muss ich die Leitung des Kinderchores der Spezialschule für Musik Halle aufgeben, da ich Johann Sebastian Bachs Motetten mit dem Chor einstudiert hatte. Die Werke standen immerhin im offiziellen Lehrplan.
  • 1971 versucht mein Chefdirigent Olaf Koch zu verhindern, dass ich die Erste Dirigenten-Position in Dresden bei der Philharmonie antrete. Über die Dresdner Bezirksleitung wird versucht, die Parteigruppe des Orchesters und Kurt Masur für eine Ablehnung zu beeinflussen. Beide, Masur und die Parteigruppe, haben sich trotzdem für mein Engagement ausgesprochen.
  • 1978 verlangt die Bezirksparteileitung von mir, einen Festakt im Schweriner Staatstheater zu dirigieren: Aufgeführt werden soll der Schlusschor von Schostakowitschs Zweiter Sinfonie („Zum Lobe Lenins“). Der sehr avantgardistische, zwölftönige erste Teil soll nicht erklingen. Ich habe mich dem verweigert. Dies führt zusammen mit dem Verbot des Dirigats der Oper Hot von Friedrich Goldmann zur erzwungenen Kündigung.
  • 1979 wird infolgedessen der bereits unterschriebene Vertrag als Chefdirigent der Komischen Oper, an der Joachim Herz Intendant ist, vom Ministerium für Kultur rückgängig gemacht. Begründung: fehlende politische Reife. Der Minister, der mir dies sagt, wird kurz darauf zum Intendanten der Komischen Oper ernannt.
  • 1980: folgen ein (wie immer in der DDR unausgesprochenes) Dirigierverbot und ein Reiseverbot. In dieser Situation wählt mich das nicht staatliche Kammerorchester Musica Nova (damals der Name des späteren Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach) zum künstlerischen Leiter. Restriktionen und keinerlei finanzielle Unterstützung sind die Folge für das Orchester. Darauf bezieht sich1989 der berühmte Ausspruch des damaligen Berliner Oberbürgermeisters Eberhard Diepgen: „Sie haben früher nichts bekommen, also müssen Sie jetzt auch nichts bekommen“
  • 1980 schreibt Prof. Gerd Schönfelder, damals Rektor der Hochschule für Musik in Dresden, auf die Frage, ob man mich reisen lassen solle, in seinen Stasi-Bericht: „Wenn Haenchen geht, haben wir ein politisches Problem und einen schlechten Dirigenten weniger.“
  • Nach 1980 werden mir Chefdirigenten-Verträge in Weimar, Jena, Chemnitz, Leipzig, Dresden angeboten, die alle von den Staatsorganen wieder rückgängig gemacht werden. Offensichtlich soll meine Ausreise erzwungen werden. Deswegen darf ich plötzlich mit der ganzen Familie nach Japan fahren.
  • 1986 erhalte ich die offizielle Genehmigung zur Ausreise als „Selbstfreikäufer“ in die Niederlande unter der Voraussetzung, dass ich 20 Prozent meiner Einkünfte an die DDR zahle. Die Steuerbelastung in den Niederlanden lag bei 72 Prozent, hinzu kamen 10 Prozent für meine holländische Agentur. Selbst der größte Betrag hat nicht mehr als 100 Prozent.
  • 1989, 10. Oktober: letzter Eintrag in meine Stasi-Akte aus Amsterdam